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Die kaum bekannte Wahrheit über Smart Beta ETFs

zuletzt aktualisiert: 12. September 2019

von Jannes Lorenzen
Investor, Ökonom und Gründer

Lieber ETF-Gott, ich habe gesündigt. Ich habe einen Smart Beta ETF gekauft.

Einen ETF, der nicht einfach alle Aktien brav nach ihrer Marktkapitalisierung gewichtet, sondern bei der Auswahl und der Gewichtung andere Faktoren als die Größe berücksichtigt.

Nicht nur das: In meinem Online-Kurs zur Rebell-Methode (vorher "ETF-Meisterkurs") habe ich Smart Beta ETFs sogar einen ausführlichen Teil gewidmet.

Warum ich das getan habe, warum die ETF-Welt mich dafür steinigen würde und warum ich viel mehr glaube, dass die meisten ETF-Experten einen großen Irrtum verbreiten, zeige ich dir in diesem Artikel.

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Kurz vorab: Dies ist ein fortgeschrittener Artikel zum Investieren in ETFs. Wenn du noch nicht weißt, was ETFs sind, empfehle ich dir diesen Artikel.

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Was ist ein Smart Beta ETF überhaupt?

Ein ETF, also ein börsengehandelter Indexfonds, bildet in der Regel einen bestimmten Aktienmarkt ab. Dabei werden die Aktien meistens nach ihrer Größe, also ihrer Marktkapitalisierung, gewichtet.

Das bedeutet im Beispiel des MSCI World: Etwa 1.600 Aktien aus 23 Industrienationen landen im ETF. Die größte Aktie erhält den größten Anteil, die kleinste Aktie den kleinsten Anteil.

Ein Smart Beta ETF geht einen anderen Weg. Er berücksichtigt einen oder mehrere Faktoren, nach denen die Aktienauswahl und/oder die Gewichtung der jeweiligen Aktien stattfindet.

Die Fondsgesellschaften nennen ihre Fonds gern "Smart Beta", da es dem Marketing zuträglich ist (und dieser Konvention werde ich mich hier der Einfachheit halber fügen), in der Finanzwissenschaft kennen wir die dahinterstehenden Konzepte als Faktoren.

Ein solcher Faktor kann die Höhe der Dividendenauszahlungen, also der Gewinnausschüttungen im Verhältnis zum Aktienkurs, sein. Solche Dividendenstrategien habe ich bereits auf dem Blog genauer beschreiben.

So investiert bspw. ein ETF auf den "MSCI World High Dividend Yield" nicht in alle 1.600 Aktien aus dem MSCI World Universum, sondern sucht sich die ca. 270 stärksten Dividendenzahler. Die Gewichtung entspricht weiterhin der Marktkapitalisierung.

So sieht die Zusammensetzung dieses Beispielindizes aus:

Smart Beta ETF - Beispiel MSCI World HDY

Quelle: msci.com (Stand: 28. Februar 2018)

Andere Indizes wählen hier eine Gewichtung nach Dividendenrendite. Das bedeutet: Die Aktie, die die höchste Dividendenrendite aufweist, bekommt den größten Anteil im ETF.

Dadurch entstehen viele neue Möglichkeiten, die solche Smart Beta ETFs bieten. Es gibt zahlreiche unterschiedliche Faktoren, Aktienauswahl- und Gewichtungsmethoden.

Was steckt nun hinter diesen Smart Beta ETFs: Eine Abzocke durch die Fondsgesellschaften oder tatsächliche Chancen für Privatanleger?

Ich verrate es dir.

Die (oft verfehlte) Kritik aus der ETF-Welt

Die ETF-Welt ist sich weitestgehend einig, wenn man sich quer durch die Bloglandschaft und die populärsten YouTube-Videos wühlt:

Smart Beta ETFs sind böse und widersprechen der Anlagephilosophie von ETFs.

Dabei sind die Kritikpunkte in meinen Augen zum großen Teil kaum fundiert, halten einer genaueren Prüfung nicht stand und sprechen eher für das Ergebnis einer ideologische Verteufelung, als für eine ergebnisoffene Auseinandersetzung damit.

Es wird also Zeit, ein anderes Licht auf Smart Beta ETFs zu werfen.

Kritikpunkt #1: Smart Beta Strategien funktionieren nicht (oder sind noch nicht nachweisbar)

Alex von homemade-finance hat eine methodisch recht abenteuerliche Untersuchung vorgelegt, bei der er zum Schluss kommt: Im Durchschnitt sind die Smart Beta ETFs genau so gut wie der S&P500, nur teurer.

Das Problem: Er begründet dies mit der Untersuchung eines 3-Jahres-Zeitraums.

Kein Finanzwissenschaftler oder Vermögensverwalter würde je auf die Idee kommen, eine Anlagestrategie basierend auf einem 3-Jahres-Zeitraum zu beurteilen. Diese Periode ist viel zu kurz, um auch nur ansatzweise vernünftige Schlussfolgerungen zu ziehen.

Außerdem schreibt er, bezugnehmend darauf, dass die meisten Smart Beta ETFs noch recht neu sind, folgendes:

"[...] wir wissen nicht, wie sich Smart Beta ETF bei mehreren Jahren dauernden Abschwüngen verhalten werden."

Und auch der von mir sehr geschätzte Finanzwesir schreibt (bezugnehmend auf einen bestimmten Smart-Beta-ETF):

"Der smarte ETF wurde am 16. November 2011 aufgelegt, er ist damit gerade mal gut drei Jahre alt. Zu früh für eine abschließende Beurteilung der Intelligenz."

Beide Aussagen sind falsch bzw. unvollständig.

Ja, die entsprechenden ETFs sind recht neu und wurden größtenteils nach der letzten Krise 2008 aufgelegt. 

Die zugrundeliegenden Indizes reichen allerdings viele Jahrzehnte zurück. Die wissenschaftlichen Untersuchungen, die die entsprechenden Faktoren begründen, teilweise sogar über 200 Jahre lang (bspw. im Fall des Momentum-Faktors).

Natürlich hat und kann nicht jeder Faktor dauerhaft funktionieren. Gerade die, die Alex nennt, sind aber gut nachgewiesen - und das nicht nur über ein paar Jahre, sondern viele Jahrzehnte.

Sie stehen auf genau demselben wissenschaftlichen Fundament, auf dem auch das langfristige passive Investieren in ETFs steht.

100% Aktiv oder 100% passiv: Sollten wir wirklich schwarz/weiß denken?

Auch der Finanzwesir äußert sich kritisch:

"Entweder ich glaube an die Überlegenheit meines Fonds-Managers, dann lasse ich ihm freie Hand und erwarte von ihm, dass er die ausgetretenen Pfade verlässt, die Trüffel im Unterholz findet und mein Geld möglichst indexfern anlegt. Oder ich glaube nicht an seine Überlegenheit, dann eliminiere ich ihn ganz und lege im indexbreiten Standard an."

Hier wird der Trugschluss erweckt, dass es nur 2 Optionen gäbe: Einem Fondsmanager das Geld in die Hand zu drücken oder in einen Standard-ETF anzulegen, ohne jegliche Kriterien außer die Marktkapitalisierung heranzuziehen.

Nein, auch ich glaube nicht an die Überlegenheit eines Fondsmanagers, da diese faktisch sehr gut widerlegt ist. Die Gründe dafür sind aber in erster Linie (1) zu hohe Kosten und (2) Fehlentscheidungen aufgrund der menschlichen Psyche und Emotionen.

Beides kann ein Smart Beta ETF eliminieren: Konkrete Faktoren werden disziplinierter und kostengünstiger umgesetzt, als es der Großteil der Fondsmanager je schaffen könnte.

Das Strohmann-Argument: Nicht alles ist "smart beta"

Auf meinefinanziellefreiheit.com heißt es:

"Von den diversen ETF-Anbietern wurden zuletzt auch eine Reihe von sog. Smart Beta ETFs auf den Markt gebracht, die regelbasierte Investment-Ideen über ETFs umsetzen. ETFs auf dividendenstarke Mid-Caps aus Vietnam sollten daher aus meiner Sicht gemieden werden."

Der Aussage würde ich nicht widersprechen; der Versuch, hiermit aber Smart Beta ETFs in ein schlechtes Licht zu rücken, ist ​aber eher ein Strohmann-Argument:

Es wird gegen eine überspitzte Position argumentiert, die kein Faktor-Befürworter je einnehmen würde - nämlich ein Investment in eine winzige Nische im Vietnam.

Rhetorisch zweckdienlich, inhaltlich (in meinen Augen) aber fehlleitend.

Zudem hat ein Investment in vietnamesische Aktien nichts mit wissenschaftlich fundiertem und breit nachgewiesenem "Smart Beta", sondern viel mehr mit einer schlechten Diversifikation zu tun.

(Hinweis: In den Kommentaren unter diesem Artikel findest du noch eine Ergänzung des Autors selbst dazu. Er betont, dass seine Kritik sich in erster Linie auf ein mögliches Verschwinden der Überrendite in der Zukunft bezieht (siehe Kritikpunkt #5))

Kritikpunkt #2: Smart Beta ETFs sind zu wenig diversifiziert

Die Diversifikation ist eines der wichtigsten Grundprinzipien um dauerhaft erfolgreich und bei niedrigerem Risiko zu investieren. Wie schlagen sich Smart Beta ETFs hier?

Die Größe der Smart Beta ETFs ist sehr unterschiedlich, naturgemäß aber niedriger als bei den Standard-Alternativen. Der oben erwähnte Dividenden-Index besteht aus ca. 270 Aktien.

Auch dieser Punkt stößt bei anderen auf vorsichtige Kritik:

Alex nennt eine Mindestzahl von 500 Aktien, um einen Index als diversifiziert zu bezeichnen, fügt aber hinzu:

"Diese Zahl ist zugegeben relativ willkürlich von mir gewählt."

Der Finanzwesir gibt sich mit etwas weniger zufrieden: 

"Jeden Index, der weniger als 100 Positionen umfasst, sortiere ich aus."

Neben diesen Meinungen gibt es haufenweise wissenschaftliche Literatur zur Mindestzahl der Aktien, die ein gut gestreutes Portfolio aufweisen sollte. Teilweise liegen diese bei ca. 20 Aktien, teilweise bei 30 - 40 Aktien, teilweise auch im niedrigen 3-stelligen Bereich.

Wenn wir aber annehmen, dass ein weltweit gestreutes ETF-Portfolio aufgestellt wird, dieses mit 5 ETFs á je 100 Aktien umgesetzt wird, haben wir ein Portfolio, das aus 500 verschiedenen Aktienunternehmen besteht.

Mir ist keine Untersuchung bekannt, die aus so einer Streuung ein erhöhtes Risiko ableiten würde. Im Gegenteil:

Die Unterschiede zwischen weltweit und branchenübergreifend gestreuten Portfolios werden bei 300 Aktien, 500 Aktien, 1.000 Aktien oder 3.000 Aktien nur marginal und in der Realität kaum spürbar sein.

Kritikpunkt #3: Smart Beta ETFs sind viel zu teuer

Kosten sind einer der größten Faktoren, warum viele Privatanleger nur dürftige Renditen erreichen. Eine Lösung dafür bieten ETFs.

Smart Beta ETFs sind im Durchschnitt etwas teurer als die Standard-Varianten. Der Finanzwesir vergleicht zwei entsprechende ETFs, von denen einer eine Kostenquote von 0,05% pro Jahr aufweist, die Smart Beta Variante eine Kostenquote von 0,3% p.a.

"Das bedeutet: Smart Beta ist 600 Prozent teurer als das Standardprodukt."

Korrekterweise müsste es heißen, dass der ETF um 500 Prozent teurer ist - aber darauf kommt es nun nicht an. 😉

Dieser Kostenunterschied klingt natürlich dramatisch. Dahinter steckt aber nach wie vor eine absolute Kostensteigerung von 0,25%.

Wenn die Wahrscheinlichkeit, dass du von einem Blitz getroffen wirst, um 1.000% steigt, ist es schließlich immer noch ein extrem unwahrscheinliches Ereignis.

Kosten einzusparen ist in jedem Fall der sicherste Weg zu mehr Rendite. Und wer skeptisch ist, dass ein Eingriff tatsächlich zu einer Renditesteigerung führt, sollte im Zweifelsfall immer die weniger komplexe und günstigere Variante vorziehen.

Die isolierte Kostenbetrachtung macht aber wenig Sinn, wenn dem ein Renditeplus von bspw. durchschnittlich 3% pro Jahr entgegensteht.

Wenn ich 1 -  4% p.a. mehr Rendite erwarte, bin ich gerne bereit, dafür "500% mehr an Kosten" bzw. 0,25 Prozentpunkte höhere Kosten zu bezahlen.

Ja, die Kosten sind höher. Und eine strikte Kostenminimierung ist eine gute Strategie. Die Frage bei der Beurteilung von Smart Beta ETFs ist aber viel mehr, ob wir davon ausgehen, dass einige Faktoren ein Renditeplus liefern, dass die höheren Kosten übersteigt.

Kritikpunkt #4: Die Überrendite von Smart Beta Faktoren ist nicht konstant (oder wird in Zukunft verschwinden)

Selbst wenn die Überrendite einiger Faktor-Strategien anerkannt wird, ist natürlich die entscheidende Frage, ob diese Rendite auch in Zukunft erwartet werden kann.

Das entscheidende Stichwort dafür ist die Arbitrage: Wenn jeder weiß, dass eine bestimmte Anlagestrategie risikofrei mehr Ertrag liefert, verschwindet dieser Ertrag, da alle diese Anlagestrategie nutzen.

Alex schreibt dazu:

"Nur weil Small Caps oder von mir aus Value-ETF in der letzten Zeit toll funktioniert haben, heißt das nicht automatisch, dass das auch in Zukunft so bleibt. Es gibt auch mehrere Jahre dauernde Perioden, in denen Megacaps besser als Small Caps gelaufen sind. Niemand weiß mit Gewissheit was als nächstes funktionieren wird."

Natürlich funktioniert ein bestimmter Faktor nicht Jahr für Jahr. Ein Risiko besteht in der Unsicherheit, wann und wie lange ein bestimmter Faktor funktioniert oder nicht.

Aber dass einige Faktoren im langfristigen Durchschnitt funktionieren ist breit nachgewiesen.

Mit der gleichen Argumentation, dass Aktien nicht jedes Jahr positive Renditen liefern, könnte man auch jede Investition in Aktien oder ETFs verteufeln.

Aber selbst wenn wir das akzeptieren: Verschwindet die Chance durch solche Faktoren nicht durch das Bekanntwerden eben dieser?

Der Finanzwesir fragt daher:

"Wie intelligent ist es zu glauben, dass ein allgemein bekannter Index den Markt langfristig schlägt?"

Das Verstehen der Arbitrage und damit einhergehend der hohen Effizienz der Finanzmärkte ist essentiell. Aber auch hier gibt es in meinen Augen zwei entscheidende Punkte, an denen diese Argumentationen haken.

Warum der Arbitrage-Gedanke in der Praxis oft scheitert

1. Haken: Warum wurden die Strategien, die teilweise bis zu 200 Jahre lang nachgewiesen werden konnten, noch nicht wegarbitriert?

Das Konzept der Arbitrage beruht auf der Annahme, dass ausreichend rationale und vollständig informierte Anleger am Markt agieren. Sobald eine Strategie, die eine Überrendite liefert, erkannt und von einem großen Teil umgesetzt wird, kann die Strategie nicht mehr funktionieren.

Die Kausalkatte der Arbitrage klingt in der Theorie logisch, ist in der Praxis aber oftmals nicht so zu beobachten.

Warum wurden viele der Faktoren in den letzten Jahren und Jahrzehnten noch nicht "wegarbitriert"?

Und eine noch spannendere Frage:

Wenn der Markt erwartet, dass es zur Arbitrage kommt und die Strategien nicht mehr funktionieren, sollte etwas erstaunliches passieren: Die Strategien funktionieren doch.

Nehmen wir rationale Anleger an, kennen diese schließlich die Strategien und gehen davon aus, dass der restliche Markt mögliche Überrenditen in der Zukunft unmöglich macht - wodurch sie paradoxerweise wieder möglich werden.

Wir landen in einem nie endenden Kreislauf der Rationalität, mit dem sich alles und nichts begründen lässt.

Jeder Anleger versucht rationaler als der andere zu sein. Ein Phänomen, das wir von Strategiespielen, der Kriegsführung oder auch aus der wissenschaftlichen Spieltheorie kennen.

"Der Gegner weiß, dass Option A meine beste Wahl ist. Deshalb mache ich es nicht und wähle Option B. Aber wenn der Gegner rational ist, weiß er, dass ich das machen werde. Deshalb wähle ich doch Option A. Aber wenn er rational ist, weiß er auch das, und ich wähle doch Option B..."

Das Argument, dass ein Großteil der Anleger sich rational verhält und solche Faktoren daher nicht zulässt, kann also genauso als Argument für das Funktionieren dieser Smart Beta Faktoren genutzt werden.

Die Gründe für das Funktionieren der Strategien sehen Finanzwissenschaftler zum einen in einem höheren Risiko, aus welchem eine höhere Risikoprämie resultiert. Hier ist also gar keine klassische Arbitrage möglich, da wir unterschiedliche Risiken haben.

Zum anderen begründen sich viele Faktoren, wie bspw. der über 200 Jahre nachgewiesene Momentum-Faktor, auf tief in der menschlichen Psyche verwurzelten Denkweisen, Trieben und Verzerrungen.

Natürlich besteht immer das Risiko, dass sich solche Effekte aus der Vergangenheit in der Zukunft abschwächen oder nicht mehr ergeben, da der Markt vollständig rational handelt (wobei wir dann im eben geschilderten Kreislauf der Rationalität gefangen sind) und diese Möglichkeiten "wegarbitriert" - aber was passiert dann (3. Haken)?

2. Haken: Was passiert, selbst wenn ab sofort alle Faktoren vollständig wegarbitriert wurden?

Ein Smart Beta ETF erreicht dann "nur" die Rendite des Standard-ETFs mit Kosten, die - je nach ETF - im Durchschnitt ca. 0,1 bis 0,3 Prozentpunkte höher sind.

Das Risiko ist also selbst im "worst case" Szenario, in dem wir davon ausgehen, dass alle Faktorprämien der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte ab sofort verschwunden sind, sehr begrenzt.

Dazu bieten einige Smart Beta ETFs nicht nur renditeseitige, sondern risikoseitige Vorteile in Form niedrigerer Schwankungen oder niedrigerer Maximalverluste in Krisenzeiten, welche sich kaum oder nur viel schwerer wegarbitrieren lassen.

Kritikpunkt #5: Faktorstrategien mit ETFs verkomplizieren die Geldanlage

Es gibt tatsächlich einen Kritikpunkt, den ich sehe und ihn gleichzeitig für den größten Kritikpunkt halte:

Smart Beta ETFs, Strategien und Faktoren machen die Anlage in ETFs komplizierter. Sie stehen der verführerischen Einfachheit von ETFs etwas entgegen (auch wenn der Zeitaufwand bei der Buy-and-hold-Strategie der gleiche ist).

Einer der größten Feinde von Anlegern ist die Ablenkung.

Das ständige Ausschau halten nach neuen Wunderstrategien und Lösungen, statt die Augen zu schließen und einfach mal nichts zu tun.

Smart Beta Strategien erfordern nicht nur spezifischeres Fachwissen, sondern können ablenken und ängstliche Anleger zusätzlich auf die Probe stellen, wenn der jeweilige Faktor mal zwei, drei Jahre hinter dem Gesamtmarkt zurückliegt.

Da ist es viel einfacher, von vornherein die Scheuklappen aufzusetzen und stumpf einen Aktienmarkt ohne jegliche Abweichungen abzubilden.

Ganz nach dem KISS-Prinzip: Keep it simple, stupid.

Außerdem öffnen Smart Beta ETFs Fondsgesellschaften die Tür, um jeden neumodischen Trend, der sich nicht über Jahrzehnte bewährt hat, in einen neuen Smart Beta ETF zu verpacken und mit erhöhten Kosten zu verkaufen.

Dabei denke ich vor allem an die ETFs, die bestimmte Branchen fokussieren, mit denen Anleger den Markt outperformen wollen. Dass Trend-Branchen meistens unterdurchschnittliche Renditen liefern habe ich hier bereits gezeigt.

Mittlerweile gibt es mehr als 350 Faktoren, über die diskutiert wird. Selbstverständlich können nicht alle funktionieren und unterliegt der Großteil Trends oder statistischen Zufällen. Diese Entwicklung ist nicht gesund für Privatanleger.

Nichtsdestotrotz sollten solche Experimente nicht mit wissenschaftlich nachgewiesenen Strategien in einen Topf geworfen werden, die wirklich Mehrwerte in Form höherer Renditen oder niedrigerer Schwankungen liefern können.

Nicht nur basierend auf ihrer historischen Überrendite, sondern logischen Begründungen (bspw. ein höheres Risiko oder psychologische Aspekte) und eine nachgewiesene Robustheit über verschiedene Perioden.

Kommer, Malkiel und Co.: Pioniere des passiven Investierens empfehlen Smart Beta ETFs

Ich habe in meinem Kurs "Die Rebell-Methode: Der kluge Weg zum Anlageerfolg" vor ca. einem Jahr ausführlich die Vor- und Nachteile von Smart Beta ETFs untersucht, die wissenschaftlichen Erkenntnisse vorgestellt, konkrete Faktoren, Anwendungsgebiete und Praxisbeispiele genannt.

Zu dieser Zeit war - und ist - die ETF-Welt noch sehr kritisch gegenüber solchen Anlagemethoden eingestellt.

Ich vermute, dass dies zu einem erheblichen Teil auf Gerd Kommer zurückgeht: Er hat das ausgezeichnete Buch "Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs" (Partner-Link) veröffentlicht, worauf die meisten Erkenntnisse der Finanzblogger (zu Recht) zurückgehen.

Gerd Kommer empfiehlt keine Smart Beta ETFs in seinem Weltportfolio - und nahezu alle Finanzblogs folgen seinem Vorbild.

Trotzdem habe ich diese Erkenntnisse in meinem Kurs umgesetzt.

Im März 2018, hat Gerd Kommer die 5. Auflage seines Buchs veröffentlicht. Und was hat sich geändert?

Nun werden Smart Beta ETFs als zentraler Teil für ein gut aufgestelltes ETF-Portfolio empfohlen. Unter anderem mit Musterportfolios, Faktoren und Indizes, die ich schon vor fast einem Jahr - trotz Gegenwinds - in meinem Kurs geteilt habe.

Gerd Kommer selbst hat, schon vor seinen expliziten Empfehlungen aus der neuesten Auflage, erkannt:

“Ein Verzicht auf jedweden »Factor Tilt«, d.h. Verzicht auf jede Übergewichtung der (...) Faktorprämien in einem Aktienportfolio gegenüber einem »traditionellen«, auf westeuropäische Länder beschränkten Standardwerteportfolio, dürfe einen Privatanleger langfristig zwischen einem und dreieinhalb Prozentpunkte Rendite kosten.“

Und auch Burton Malkiel, der in den USA als einer der Erfinder von Indexfonds und der passiven Anlagephilosophie gilt (u.a. durch sein legendäres Buch "A Random Walk Down Wall Street" von 1973) ist mittlerweile, durch die jahrzehntelange wissenschaftliche Forschung und stark gesunkene Kosten, von der Nutzung solcher Faktorstrategien durch ETFs überzeugt.

Auch der Vermögensverwalter Patrick O'Shaughnessy schreibt:

"Ultimately smart beta offers access strategies proven to be more effective than market-cap weighting."

Zum einen sehe ich die vorherrschende Ablehnung in der ETF-Welt sowohl darin begründet, dass Gerd Kommer als Pionier diese bis vor Kurzem nicht explizit eingebunden hat.

Zum anderen teilen die meisten ETF-Anleger eine berechtigte Skepsis gegenüber allem, was auch nur ansatzweise in die Richtung aktiven Investierens geht und glauben womöglich an zu 100% effiziente Märkte.

Aber nur, weil das Standardkriterium der Gewichtung die Aktiengröße ist, sollte man nicht davon ausgehen, dass es der optimale Faktor ist.

Ein Gedankenexperiment: Was würdest du wählen?

Nehmen wir an, du musst dich heute entscheiden, wie du für die nächsten 20 bis 30 Jahre anlegst. Du darfst nie wieder etwas daran ändern.

Du hast die Wahl zwischen einem kostengünstigen Indexfonds, der den Markt nachbildet und die Aktien nach ihrer Größe gewichtet..

...und einer regelmäßig aktualisierten Gruppe von Aktien, die automatisiert nach Kriterien ausgewählt werden, die in der Vergangenheit nachweislich für höhere Renditen und niedrigere Schwankungen geführt haben. Diese Aktien sind im Durchschnitt günstiger bewertet als der Markt,  arbeiten profitabler, sind finanziell stabiler aufgestellt, lassen ihre Anleger am Gewinn teilhaben und weisen positive Kursentwicklungen auf.

Was würdest du wählen?

Versteh mich nicht falsch:

Smart Beta ETFs sollte man mit Skepsis begegnen. Nicht zuletzt deshalb, da es unzählige Faktoren gibt, von denen nur wenige in der Finanzwissenschaft anerkannt sind.

Viele Anleger werden mit Smart Beta ETFs scheitern, weil diese zu aktivem Handeln verführen können. Gerade Anleger, die sehr anfällig für ständiges Umschichten, Crash-Prognosen und Trend-Investments sind, sollten sich prinzipiell davon fern halten.

Und auch Anleger, die wenig Lust auf die Geldanlage haben, Komplexität meiden und nur "Mach XYZ und lass es so!" Ratschläge wollen, sind vermutlich mit den Möglichkeiten der Smart Beta ETFs überfordert und sollten bei den klassischen Varianten bleiben.

Und wenn du davon überzeugt bist, dass die Märkte vollständig effizient sind und die Faktoren, die in den letzten Jahrzehnten funktioniert haben, in der Zukunft nicht mehr funktionieren werden, sind Smart Beta ETFs ebenfalls nicht das Mittel deiner Wahl.

Wenn du allerdings nicht zu diesen Gruppen gehörst, können Smart Beta ETFs - trotz der Kritik einiger ETF-Blogger - lohnenswerte Möglichkeiten bieten, ohne den wissenschaftlichen Rückenwind des passiven Investierens in ETFs zu verlieren.

Über den Autor


Hey, ich bin Jannes. Langfristig denkender Privatanleger, Investor, Ökonom sowie Gründer von Aktienrebell und StrategyInvest. Herzlich Willkommen also zu meiner Rebellion gegen fehlende Finanzbildung, schlechte Anlageentscheidungen und das Spiel der Finanzindustrie.

Jannes Lorenzen

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  • Lieber Aktienrebell,

    Hab lieben Dank für Deine Verlinkung auf meinefinanziellefreiheit.com

    Ich fürchte die zarte Ironie meines (frei erfundenen) Hinweises auf „dividendenstarke Mid-Caps aus Vietnam“ nicht ganz angekommen ist 😉

    Weder Strohmann noch mangelnde Diversifikation sind beabsichtigt. Vielmehr drücke ich in den zwei Sätzen unmittelbar nach dem von Dir zititierten Satz ja aus, was tatsächlich das Problem ist: „Es mag sein, dass solche ETFs historisch gut performt haben. Allerdings gilt auch hier, dass die historische Performance kein Indikator für die zukünftige Performance ist.“ Die Faktoren, die für die historische Überrendite des smart beta ETF ausschlaggebend waren (dividendenstark, mid cap, Vietnam!) sollten in der Zukunft insb. in Folge der Effizienz der Märkte ausgeschalten sein. Dies setzt schon voraus, dass dadurch kein absurd höheres Risikoprofil eingegangen wurde.

    Hab mich jedenfalls gefreut, Deinen Blog so zu finden und habe ihn bereits abonniert.

    Viele Grüße
    MFF

    • Hey MFF,

      Freut mich, dass du hier vorbeischaust und dir die Zeit für den Kommentar nimmst!

      Die Ironie sowie die gezielte Übertreibung habe ich natürlich wahrgenommen. 😉

      Das Argument „historische Rendite ist kein Indikator für zukünftige Performance“ ist natürlich völlig richtig, aber damit können wir ja jede Diskussion über Renditen von Geldanlagen als nichtig erklären und auch eine Investition in Aktien als Ganzes widerlegen. Viel mehr begründet sich die Investition in Aktien oder Smart Beta ETFs ja aber nicht nur auf die vergangene Performance, sondern auf die fundamentalen Treiber dahinter, was – in meinen Augen – zwar aus deinem jetzigen Kommentar, nicht aber aus den Aussagen in deinem Artikel hervorgeht. Für mich klang es in erster Linie nach „Smart Beta ETFs sind absurde Nischen-Produkte und berufen sich einzig und allein auf die vergangenen Rendite, die keine Garantie für die Zukunft ist“, weshalb ich diese Argumentation etwas zu kurz gegriffen fand. Aber freut mich, dass du es hier noch einmal klarstellst.

      Ich füge den Hinweis auf deinen Kommentar natürlich nachträglich noch der Vollständig halber in den Artikel ein. Vielen Dank für die Ergänzung!

      Beste Grüße,
      Jannes

  • Hallo Jannes,

    mich freut es, dass „endlich“ mal jemand Smart Beta ETFs aus einer anderen Perspektive betrachtet.

    Ich pflichte Dir bei folgenden Punkten vollkommen bei: Smart Betas KÖNNEN sehr gut funktionieren und haben in Sachen Diversifikation pragmatisch gesehen keine beachtenswerten Nachteile gegenüber klassischen ETFs. Die kaum vorhandenen Mehrkosten sind meiner Meinung nach wirklich zu vernachlässigen, selbst wenn man nicht daran glaubt, dass Smart Betas auf lange Sicht den ein oder anderen Prozentpunkt mehr an Rendite erwirtschaften können. Die ETFs meines Depots sind übrigens sogar etwas teurer als der von Dir (bzw. vom Finanzwesir) vorgestellte Smart Beta ETF 😉

    Trotz allem – um Deine (fast schon rhetorische) Frage am Ende zu beantworten: Ich wähle den klassischen ETF und nicht den Smart Beta.

    Warum?

    Zunächst noch ein Einwand: Ich glaube nicht an vollkommen effiziente Märkte. Ein Argument mehr für Smart Betas.

    Für mich werden klassiche ETFs trotzdem die Basis meines Vermögens bilden.
    Ich bin der Meinung, dass die Smart Betas, die momentan auf dem Markt sind, nicht das Potential haben, allein durch ihre Algorithmen dauerhaft signifikante Überrenditen zu erwirtschaften. Mathematische Anzeichen, die automatisiert bewerten werden, können und werden mit Sicherheit teilweise funktionieren. Mathematische Modelle für Überrenditen sind allerdings an sich nichts Neues und haben in der Vergangenheit teils sehr gut, teils überhaupt nicht funktioniert. Und eine derartige Herangehensweise finde ich nicht verlässlich genug.

    Da mir zum momentanen Zeitpunktn noch das Vertrauen fehlt und die Smart Betas durch ihre Komplexität einiges an Transparenz einbüßen, verlasse ich mich VORERST auf klassische ETFs mit Marktkapitalisierung. Vielleicht ändert sich das aber in Zukunft noch 🙂

    Viele Grüße vom Depotstudent 😉

    • Hallo Depotstudent,

      Es spricht auch in meinen Augen nicht viel gegen klassische Marktkap.-ETFs, ich selbst halte auch welche im Depot. Letztendlich ist das auch, genau wie du richtig sagst, eine Frage des Glaubens und des Vertrauens, um auch langfristig am Ball zu bleiben.

      „Mathematische Modelle für Überrenditen sind allerdings an sich nichts Neues und haben in der Vergangenheit teils sehr gut, teils überhaupt nicht funktioniert. Und eine derartige Herangehensweise finde ich nicht verlässlich genug.“

      Das stimmt, allerdings gibt es ja einige Faktoren, die sich über Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte bewiesen haben und nicht auf einem neumodischen Algorithmus beruhen. Welche Herangehensweise konnte so etwas denn noch verlässlicher machen?

      Aber wie gesagt: Beides sind völlig legitime Wege.

      Vielen Dank für deinen Kommentar!

      Beste Grüße,
      Jannes

  • Hi Jannes,

    vielen Dank für deine tollen Beiträge und Podcasts. Ich habe sie in den vergangenen Monaten regelrecht verschlungen. Ich bin selbstständig, zahle nicht in eine gesetzliche Rentenversicherung und habe das Thema Altersvorsorge lange genug vor mir her geschoben. Deine Beiträge haben wir geholfen mich endlich darum zu kümmern.

    Ich bin gerade dabei für meine Altersvorsorge ein Portfolio zu erarbeiten und stelle fest, dass meine bisher ausgesuchten Smart Beta ETFs in USD gehandelt werden. Hast du eine Meinung zum Thema Währungsrisiko? Verstehe ich das richtig, dass mein ETF Wert sinkt, wenn der USD im Vergleich zum Euro schwächelt?

    Ich würde mich sehr über eine Antwort freuen.

    Vielen Dank!

    • Hallo Bilal,

      (entschuldige die verspätete Antwort. Der Kommentar ist leider in meinem Spam-Filter gelandet)

      vielen Dank für dein Lob, das freut mich!

      Nein, das Währungsrisiko hat nichts damit zu tun, in welcher Währung dein ETF notiert. Relevant sind dafür die Währungen der Aktien, die in deinem ETF enthalten sind und deren jeweilige Währung. Wenn du also nur US-amerikanische Aktien im ETF hast, der ETF aber in Euro notiert und du im Euro-Raum lebst, ist dein Währungsrisiko trotzdem der Wechselkurs von EUR zu USD. Je stärker der USD wird (bei gleichbleibender Wertentwicklung der Aktien), desto eher kommt es deiner Investition zu Gute.

      Viele Grüße
      Jannes

  • Hallo Jannes,

    Danke für diesen ausführlichen Bericht über Smart Beta. Ich hatte mich bis dato nicht mit dem Thema beschäftigt.
    Und habe wieder neue Erkenntnisse gewonnen.
    Bei der Gelegenheit: kennst Du smart Beta ETFs/ ETF, die weitgehend den MSCI abbilden oder S&P 500 allerdings ohne Banken und Versicherungsunternehmen?

    Beste Grüsse
    Thomas

    • Hallo Thomas,

      vielen Dank, das freut mich. Leider kenne ich dazu aktuell keinen ETF, maximal für den europäischen Raum (bspw. den iShares EURO STOXX 50 ex-Financials UCITS ETF).

      Beste Grüße
      Jannes

  • Guten Morgen Jannes,

    sehr guter Artikel, welchem ich als Privatinvestor nur beipflichten kann.
    Mich stört immer wieder diese schnelle und pauschale Kritik an den smart Beta ETF’s (u. a. zu teuer, Marketing der ETF Branche, aktives Management in einem passiven Produkt verpackt, zu geringe Streuung).

    Im Vergleich zu einem aktiven Investmentfonds, verfolgen derartige ETF’s vollkommen automatisch und regelbasiert ihre Anlagestrategie und das zu einem wirklich günstigen Preis (ohne teure Analysten und Fondsmanager).

    Auch die Streuung (Diversifikation) finde ich absolut ausreichend (zwischen 300 Titeln (Quality), über 350 Titel (Momentum), zu 400 Titeln (Value).
    Natürlich hat der klassische MSCI World über 1.600 Titel (von denen ich aber viele gar nicht haben will). Aber seien wir doch einmal ehrlich, die Rendite wird doch von den größten 100 Titeln im Index gemacht und nicht von den unzähligen 0,01 % Titeln.

    In diesem Zusammenhang fällt mir auch immer wieder auf, dass zu viele Anleger rein nach der „Total Expense Ratio“ (TER) ihre ETF’s wählen. Die viel aussagekräftige Tracking Differenz (die tatsächliche Abweichung der Performance des ETF vom Index nach sämtlichen Kosten) bleibt oft unberücksichtigt.
    Ein ETF mit einer TER von z. B. 0,50 % kann somit eine bessere Wertentwicklung abliefern, als eine ETF mit einer TER von 0,20 %. Da die TD des ersteren Fonds ggf. viel geringer ist.

    Vergleichen wir doch einmal die Tracking Differenz der 4 iShares ETF’s (World, Value, Quality und Momentum, WKN A0RPWH, A12ATG, A12ATE und A12ATF) über die IT-Seite „www.trackingdifferences.com“ über die letzten 4 Jahre (seit Auflage):

    World: – 0,075 % (im Durchschnitt)
    Value: – 0,025 %
    Quality: + 0,075 %
    Momentum: + 0,225 %

    Wenn ich jetzt den Durchschnitt der 3 Faktor ETF’s nehme, komme ich auf eine TD von 0,092 % und somit auf Mehrkosten von 0,167 % ggü. dem klassischen MSCI World.

    Ich denke das ist für die langfristige(!!!) Chance auf eine Mehrrendite von 1 – 2 % p. a. absolut in Ordnung. Im schlechtesten Fall hätte man (wie Du schon geschrieben hast) einen teureren MSCI World. Das „Risiko“ bin ich gern bereit zu tragen.

    Fazit: Ich habe die 3 oben genannten ETF’s in mein Portfolio aufgenommen, da mich die wissenschaftlich aufgearbeitete historische Wertentwicklung überzeugt hat und die Mehrkosten sich im Rahmen bewegen.

    • Hey Thomas,

      vielen Dank für deinen ergänzenden Kommentar und deine Zahlen dazu. Völlig richtig dargestellt, das kann ich nur unterschreiben!

      Beste Grüße
      Jannes

  • Hallo Jannes,
    vielen Dank für die super Informationen. Ich sehe das alles sehr ähnlich wie du und störe mich immer wieder an der Verteufelung von Faktoren bzw. Kommer – wie du sagst, man muss wissen was man macht. Aber man darf in so ein wichtiges Thema schon etwas investieren. Entweder man glaubt und verwendet Faktoren, gewinnt wenn’s gut läuft 1-2% dazu oder riskiert schlechtesten Fall minimale Mehrkosten. Ich persönlich habe bis dato SC und EM höher gewichtet, da mir das am logischsten und nachhaltigsten erscheint.
    Liebe Grüße
    Mario

  • Hallo Jannes,

    danke für den super Beitrag und die schlüssige Argumentation zugunsten der Smart Beta ETFs.

    Es gibt einen Artikel von „Das Investment“ aus 09/2018, in dem den Smart Beta-ETFs kein Vorteil ggü. klassischen ETFs zugestanden wird. Als Grundlage dient eine Studie mit Gegenüberstellung der Kursentwicklungen.

    Auszug/Fazit:
    »Die Analyse des Flossbach von Storch Research Institute hat gezeigt, dass sich europäische Smart-Beta-ETFs in ihrer Gesamtheit bislang weder durch nachhaltige Überrenditen noch durch eine geringere Volatilität auszeichnen. Zwar führt ein gewisses Faktor-Exposure zeitweise durchaus zu einer deutlichen Abweichung der Renditeentwicklung des ETFs gegenüber der Benchmark. Doch wird eine etwaige Unter- oder Überlegenheit zumeist alsbald durch eine gegenläufige Entwicklung konterkariert. So ist etwa die relative Überlegenheit von Multi-Faktor-Strategien gegenüber anderen Ansätzen in der jüngeren Vergangenheit nicht mehr feststellbar.«
    Quelle: http://www.dasinvestment.com/flossbach-von-storch-research-institute-zu-faktorstrategien-smart-beta-etfs-sind-oft-ihr-geld-nicht/

    Hast Du hierzu eine Meinung? Würde mich als Smart Beta ETF N00b freuen. 😉

    VG
    Jonathan

    • Hey Jonathan,

      vielen Dank fürs Lob und deinen Kommentar. Freut mich sehr. 🙂

      Spannende Frage. Bei dasinvestment.com heißt es:

      „Dem Versprechen der ETF-Industrie folgend, müsste eigentlich mit jedem Ansatz in nahezu jeder Marktphase eine überdurchschnittliche Rendite zu erzielen sein. […] Die ermittelten Renditeeffekte stellen sich nicht kontinuierlich und in jeder Marktphase ein.“

      Diese Erkenntnis teile ich definitiv: Niemand sollte Smart Beta ETFs kaufen und erwarten, dass diese in jeder Marktphase besser abschneiden als der breite Markt. Gerade die untersuchte Periode (2009 – 2018) ist durch eine historisch (bisher) einmalige Niedrigzinsphase einmalig, gleichzeitig haben Growth-Aktien eine erstaunliche Outperformance ggü. Value-Aktien geliefert, die es in den letzten 100 Jahren so fast noch nie gab. Das schwächt Value-Strategien, die einen Kern vieler Faktorstrategien darstellen. Das könnte also eine Erklärung sein, warum viele Strategien im letzten Jahrzehnt schlechter abgeschnitten haben (sprich: weniger Überrendite geliefert haben) als im historischen Durchschnitt.

      Dazu kommt das „Performance Chasing“: Fondsgesellschaften legen gern dann Smart Beta ETFs auf, wenn eine bestimmte Strategie seit ein paar Jahren gut gelaufen ist. Das führt aber oft dazu, dass Trends hinterhergerannt wird, die in Summe überteuert sind. Ein sinnvollerer Weg wäre das Gegenteil: Dann investieren, wenn eine Strategie, die sich historisch bewährt hat, schwächelt. Dazu gibt es auch eine ziemlich interessante Untersuchung von Research Affiliates, in der gezeigt wird, dass gerade das Investieren in die zuletzt schlechtesten Faktoren zukünftig die höchsten Rendite gebracht hätte.

      Viele Grüße
      Jannes

  • Servus Jannes,

    vielen Dank für diesen und die vielen anderen tollen Artikel.

    Durch Dich, etliche weitere Blogs, Hörbücher, Podcasts und YouTube-Channels habe ich als absoluter Rookie und Späteinsteiger (noch etwas über 20 Jahre bis zur vorauss. Rente) mit ETF-Sparplänen begonnen.

    Ich sehe bei Smart Betas natürlich die (in Euro) marginal höheren Kosten, allerdings auch das mögliche Potential einer Überrendite. Ob das richtig und „smart“ von mir war, sehe ich dann beim Feierabendbierchen als Rentner 😉

    Das antizyklische Investieren in (Smart) ETFs kann ich doch, wenn ich das in den letzten Monaten erlangte Wissen korrekt anwende, ja durch ein Rebalancing erreichen… richtig?

    Mein Szenario ist:
    – 18% MSCI World Momentum
    – 18% MSCI World Quality
    – 18% MSCI World Value
    – 18% MSCI World Minimum Volatility
    – 18% MSCI World Small Cap
    – 10% MSCI EM

    Damit bilde ich mein gewünschtes Verhältnis von World zu EM mit 90:10 ab. Und habe innerhalb der 90% World fünf Faktoren, die ich verstehe.

    In 10-12 Jahren werde ich dann starten, sukzessive etwas mehr „Sicherheit“ (z.B. durch Anleihen-ETFs) ins Portfolio zu bekommen, wobei ich – Stand heute – in der Rente noch mindestens 40% Aktien-ETFs halten möchte.

    Klingt das logisch und sinnvoll? Oder hab ich die Materie noch nicht gut genug durchdrungen?

    Dank Dir und viele Grüße
    Andreas

    • Hey Andreas,

      freut mich, dass du den Zugang zu ETFs gefunden hast und deine Geldanlage selbst in die Hand nimmst!

      „Das antizyklische Investieren in (Smart) ETFs kann ich doch, wenn ich das in den letzten Monaten erlangte Wissen korrekt anwende, ja durch ein Rebalancing erreichen… richtig?“

      Genau. Du könntest auch auf die Bewertungen der jeweiligen Faktoren im Vergleich zu ihrer langfristigen Bewertung anschauen. Das erkläre ich u.a. in meinen Kursen, ist aber auch hier ausführlicher erklärt. Deine Vorgehensweise geht aber in die gleiche Richtung.

      „Klingt das logisch und sinnvoll? Oder hab ich die Materie noch nicht gut genug durchdrungen?“

      Doch, klingt absolut sinnvoll. Vor allem deine entspannte Einstellung wird dir dabei helfen, ein paar Jahre zu überstehen, in denen deine Strategie mal schwächeln kann.

      Du könntest noch überlegen, ob ein Multi-Faktor-ETF für dich Sinn macht. Ein solcher ETF besteht aus mehreren Faktoren, nach denen Aktien ausgewählt werden. Im MSCI World Diversified Multi Factor werden bspw. Aktien ausgewählt, die nach den Kriterien Value, Qualität, Momentum und kleine Größe am besten abschneiden. Das ist wohlgemerkt ein anderes Ergebnis, als würdest du diese Faktoren jeweils einzeln abbilden, kann die Komplexität deines Depots aber etwas reduzieren.

      Eine andere Überlegung könnte sein, den Anteil der Schwellenländer noch etwas zu erhöhen. Nach Marktkapitalisierung machen diese ca. 10% aus, nach BIP etwa 30%. Dazu kommt, dass die Schwellenländer aktuell vergleichsweise günstig bewertet sind. Aber das ist dann eine generelle Überlegung zur Asset Allocation, unabhängig von Smart Beta ETFs.

      Viele Grüße
      Jannes

      • Servus Jannes,

        vielen Dank für Deine schnelle Antwort 🙂

        Den EM-Anteil auf 20% anzuheben ist wohl eine gute Idee. Werde ich so zum 01.09. aufnehmen. Damit reduziert sich dann der Anteil der Faktor-ETFs auf jeweils 16%… passt.

        Bzgl. Rebalancing: super Link, dankeschön. Den hatte ich in Deinem Artikel schon mal angeklickt, allerdings noch nicht komplett durchgearbeitet. Meine erste Idee hierzu wäre: alle sechs Monate den aktuellen Stand in Excel erfassen und dann für die nächsten sechs Monate die jeweiligen Sparraten entsprechend anpassen, um – theoretisch – wieder auf 80:20- bzw. 16%, 16%,… 20%-Verteilung zu kommen.

        Viele Grüße und danke für Deinen tollen Job
        Andreas

      • Ich finde den Ansatz von Andreas spannend, und natürlich auch die dazugehörige Antwort von Dir, Jannes.

        Was bleibt, ist die spannende Frage: Welche (Multi-)Faktor ETFs haben a) eine gute Peformance, b) eine vergleichsweise niedrige TER, und c) sind bei einem der deutschen Anbieter als Sparplan möglichst ohne Ausführungsentgelt erhältlich?

        Eine Antwort dazu, welcher deutsche Anbieter in diesem speziellen Szenario (Smart Beta / Faktor-ETFs) für die Anlage empfohlen wird – zusammen mit welchen ETFs/ISINs – wäre als Leitfaden „Gold wert“. 🙂

        Viele Grüße,
        Jonathan

  • Servus Jonathan,

    ich habe mein Depot bei der Consorsbank. Entsprechend habe ich auf https://www.justetf.com/de/ und https://de.extraetf.com nach Faktor-ETFs gesucht, die ich dort besparen kann… am besten kostenfrei.

    Somit bin ich bei diesen ETFs gelandet:

    1) Xtrackers MSCI World Momentum Factor UCITS ETF 1C (WKN: A1103G / TER: 0,25% / Provision: 0%)
    2) Xtrackers MSCI World Minimum Volatility UCITS ETF 1C (WKN: A1103F / TER: 0,25% / Provision: 0%)
    3) Xtrackers MSCI World Value Factor UCITS ETF 1C (WKN: A1103E / TER: 0,25% / Provision: 0%)
    4) Xtrackers MSCI World Quality Factor UCITS ETF 1C (WKN: A1103D / TER: 0,25% / Provision: 0%)
    5) iShares MSCI World Small Cap UCITS ETF (WKN: A2DWBY / TER: 0,35% / Provision: 1,5%)
    6) Xtrackers MSCI Emerging Markets UCITS ETF 1C (WKN: A12GVR / TER: 0,20% / Provision: 0%)

    Bei der Consorsbank gibt’s aktuell keinen weltweiten Multi Faktor-ETF; weder kostenfrei, noch gegen Provision. Also bilde ich die Multi Faktor-Strategie manuell ab. Jeweils zu gleichen Teilen. Und alle sechs Monate spuckt mir Excel dann die aktuelle Verteilung aus, auf deren Basis ich dann das Rebalancing anhand der mtl. Sparrate vornehmen werde.

    Egal, bei welchem deutschen Depot-Anbieter Du bist: über JustETF und ExtraETF kannst Du wunderbar suchen und filtern, welche (kostenlosen) Sparpläne geboten werden.

    Ich hoffe, damit konnte ich Dir helfen.

    Viele Grüße
    Andreas

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