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Die kaum bekannte Wahrheit über Smart Beta ETFs

Lieber ETF-Gott, ich habe gesündigt. Ich habe einen Smart Beta ETF gekauft.

Einen ETF, der nicht einfach alle Aktien brav nach ihrer Marktkapitalisierung gewichtet, sondern bei der Auswahl und der Gewichtung andere Faktoren als die Größe berücksichtigt.

Nicht nur das: In meinem Online-Kurs zur Rebell-Methode (vorher "ETF-Meisterkurs") habe ich Smart Beta ETFs sogar einen ausführlichen Teil gewidmet.

Warum ich das getan habe, warum die ETF-Welt mich dafür steinigen würde und warum ich viel mehr glaube, dass die meisten ETF-Experten einen großen Irrtum verbreiten, zeige ich dir in diesem Artikel.

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Kurz vorab: Dies ist ein fortgeschrittener Artikel zum Investieren in ETFs. Wenn du noch nicht weißt, was ETFs sind, empfehle ich dir diesen Artikel.

Was ist ein Smart Beta ETF überhaupt?

Ein ETF, also ein börsengehandelter Indexfonds, bildet in der Regel einen bestimmten Aktienmarkt ab. Dabei werden die Aktien meistens nach ihrer Größe, also ihrer Marktkapitalisierung, gewichtet.

Das bedeutet im Beispiel des MSCI World: Etwa 1.600 Aktien aus 23 Industrienationen landen im ETF. Die größte Aktie erhält den größten Anteil, die kleinste Aktie den kleinsten Anteil.

Ein Smart Beta ETF geht einen anderen Weg. Er berücksichtigt einen oder mehrere Faktoren, nach denen die Aktienauswahl und/oder die Gewichtung der jeweiligen Aktien stattfindet.

Die Fondsgesellschaften nennen ihre Fonds gern "Smart Beta", da es dem Marketing zuträglich ist (und dieser Konvention werde ich mich hier der Einfachheit halber fügen), in der Finanzwissenschaft kennen wir die dahinterstehenden Konzepte als Faktoren.

Ein solcher Faktor kann die Höhe der Dividendenauszahlungen, also der Gewinnausschüttungen im Verhältnis zum Aktienkurs, sein. Solche Dividendenstrategien habe ich bereits auf dem Blog genauer beschreiben.

So investiert bspw. ein ETF auf den "MSCI World High Dividend Yield" nicht in alle 1.600 Aktien aus dem MSCI World Universum, sondern sucht sich die ca. 270 stärksten Dividendenzahler. Die Gewichtung entspricht weiterhin der Marktkapitalisierung.

So sieht die Zusammensetzung dieses Beispielindizes aus:

Smart Beta ETF - Beispiel MSCI World HDY

Quelle: msci.com (Stand: 28. Februar 2018)

Andere Indizes wählen hier eine Gewichtung nach Dividendenrendite. Das bedeutet: Die Aktie, die die höchste Dividendenrendite aufweist, bekommt den größten Anteil im ETF.

Dadurch entstehen viele neue Möglichkeiten, die solche Smart Beta ETFs bieten. Es gibt zahlreiche unterschiedliche Faktoren, Aktienauswahl- und Gewichtungsmethoden.

Was steckt nun hinter diesen Smart Beta ETFs: Eine Abzocke durch die Fondsgesellschaften oder tatsächliche Chancen für Privatanleger?

Ich verrate es dir.

Die (oft verfehlte) Kritik aus der ETF-Welt

Die ETF-Welt ist sich weitestgehend einig, wenn man sich quer durch die Bloglandschaft und die populärsten YouTube-Videos wühlt:

Smart Beta ETFs sind böse und widersprechen der Anlagephilosophie von ETFs.

Dabei sind die Kritikpunkte in meinen Augen zum großen Teil kaum fundiert, halten einer genaueren Prüfung nicht stand und sprechen eher für das Ergebnis einer ideologische Verteufelung, als für eine ergebnisoffene Auseinandersetzung damit.

Es wird also Zeit, ein anderes Licht auf Smart Beta ETFs zu werfen.

Kritikpunkt #1: Smart Beta Strategien funktionieren nicht (oder sind noch nicht nachweisbar)

Alex von homemade-finance hat eine methodisch recht abenteuerliche Untersuchung vorgelegt, bei der er zum Schluss kommt: Im Durchschnitt sind die Smart Beta ETFs genau so gut wie der S&P500, nur teurer.

Das Problem: Er begründet dies mit der Untersuchung eines 3-Jahres-Zeitraums.

Kein Finanzwissenschaftler oder Vermögensverwalter würde je auf die Idee kommen, eine Anlagestrategie basierend auf einem 3-Jahres-Zeitraum zu beurteilen. Diese Periode ist viel zu kurz, um auch nur ansatzweise vernünftige Schlussfolgerungen zu ziehen.

Außerdem schreibt er, bezugnehmend darauf, dass die meisten Smart Beta ETFs noch recht neu sind, folgendes:

"[...] wir wissen nicht, wie sich Smart Beta ETF bei mehreren Jahren dauernden Abschwüngen verhalten werden."

Und auch der von mir sehr geschätzte Finanzwesir schreibt (bezugnehmend auf einen bestimmten Smart-Beta-ETF):

"Der smarte ETF wurde am 16. November 2011 aufgelegt, er ist damit gerade mal gut drei Jahre alt. Zu früh für eine abschließende Beurteilung der Intelligenz."

Beide Aussagen sind falsch bzw. unvollständig.

Ja, die entsprechenden ETFs sind recht neu und wurden größtenteils nach der letzten Krise 2008 aufgelegt. 

Die zugrundeliegenden Indizes reichen allerdings viele Jahrzehnte zurück. Die wissenschaftlichen Untersuchungen, die die entsprechenden Faktoren begründen, teilweise sogar über 200 Jahre lang (bspw. im Fall des Momentum-Faktors).

Natürlich hat und kann nicht jeder Faktor dauerhaft funktionieren. Gerade die, die Alex nennt, sind aber gut nachgewiesen - und das nicht nur über ein paar Jahre, sondern viele Jahrzehnte.

Sie stehen auf genau demselben wissenschaftlichen Fundament, auf dem auch das langfristige passive Investieren in ETFs steht.

100% Aktiv oder 100% passiv: Sollten wir wirklich schwarz/weiß denken?

Auch der Finanzwesir äußert sich kritisch:

"Entweder ich glaube an die Überlegenheit meines Fonds-Managers, dann lasse ich ihm freie Hand und erwarte von ihm, dass er die ausgetretenen Pfade verlässt, die Trüffel im Unterholz findet und mein Geld möglichst indexfern anlegt. Oder ich glaube nicht an seine Überlegenheit, dann eliminiere ich ihn ganz und lege im indexbreiten Standard an."

Hier wird der Trugschluss erweckt, dass es nur 2 Optionen gäbe: Einem Fondsmanager das Geld in die Hand zu drücken oder in einen Standard-ETF anzulegen, ohne jegliche Kriterien außer die Marktkapitalisierung heranzuziehen.

Nein, auch ich glaube nicht an die Überlegenheit eines Fondsmanagers, da diese faktisch sehr gut widerlegt ist. Die Gründe dafür sind aber in erster Linie (1) zu hohe Kosten und (2) Fehlentscheidungen aufgrund der menschlichen Psyche und Emotionen.

Beides kann ein Smart Beta ETF eliminieren: Konkrete Faktoren werden disziplinierter und kostengünstiger umgesetzt, als es der Großteil der Fondsmanager je schaffen könnte.

Das Strohmann-Argument: Nicht alles ist "smart beta"

Auf meinefinanziellefreiheit.com heißt es:

"Von den diversen ETF-Anbietern wurden zuletzt auch eine Reihe von sog. Smart Beta ETFs auf den Markt gebracht, die regelbasierte Investment-Ideen über ETFs umsetzen. ETFs auf dividendenstarke Mid-Caps aus Vietnam sollten daher aus meiner Sicht gemieden werden."

Der Aussage würde ich nicht widersprechen; der Versuch, hiermit aber Smart Beta ETFs in ein schlechtes Licht zu rücken, ist ​aber eher ein Strohmann-Argument:

Es wird gegen eine überspitzte Position argumentiert, die kein Faktor-Befürworter je einnehmen würde - nämlich ein Investment in eine winzige Nische im Vietnam.

Rhetorisch zweckdienlich, inhaltlich (in meinen Augen) aber fehlleitend.

Zudem hat ein Investment in vietnamesische Aktien nichts mit wissenschaftlich fundiertem und breit nachgewiesenem "Smart Beta", sondern viel mehr mit einer schlechten Diversifikation zu tun.

(Hinweis: In den Kommentaren unter diesem Artikel findest du noch eine Ergänzung des Autors selbst dazu. Er betont, dass seine Kritik sich in erster Linie auf ein mögliches Verschwinden der Überrendite in der Zukunft bezieht (siehe Kritikpunkt #5))

Kritikpunkt #2: Smart Beta ETFs sind zu wenig diversifiziert

Die Diversifikation ist eines der wichtigsten Grundprinzipien um dauerhaft erfolgreich und bei niedrigerem Risiko zu investieren. Wie schlagen sich Smart Beta ETFs hier?

Die Größe der Smart Beta ETFs ist sehr unterschiedlich, naturgemäß aber niedriger als bei den Standard-Alternativen. Der oben erwähnte Dividenden-Index besteht aus ca. 270 Aktien.

Auch dieser Punkt stößt bei anderen auf vorsichtige Kritik:

Alex nennt eine Mindestzahl von 500 Aktien, um einen Index als diversifiziert zu bezeichnen, fügt aber hinzu:

"Diese Zahl ist zugegeben relativ willkürlich von mir gewählt."

Der Finanzwesir gibt sich mit etwas weniger zufrieden: 

"Jeden Index, der weniger als 100 Positionen umfasst, sortiere ich aus."

Neben diesen Meinungen gibt es haufenweise wissenschaftliche Literatur zur Mindestzahl der Aktien, die ein gut gestreutes Portfolio aufweisen sollte. Teilweise liegen diese bei ca. 20 Aktien, teilweise bei 30 - 40 Aktien, teilweise auch im niedrigen 3-stelligen Bereich.

Wenn wir aber annehmen, dass ein weltweit gestreutes ETF-Portfolio aufgestellt wird, dieses mit 5 ETFs á je 100 Aktien umgesetzt wird, haben wir ein Portfolio, das aus 500 verschiedenen Aktienunternehmen besteht.

Mir ist keine Untersuchung bekannt, die aus so einer Streuung ein erhöhtes Risiko ableiten würde. Im Gegenteil:

Die Unterschiede zwischen weltweit und branchenübergreifend gestreuten Portfolios werden bei 300 Aktien, 500 Aktien, 1.000 Aktien oder 3.000 Aktien nur marginal und in der Realität kaum spürbar sein.

Kritikpunkt #3: Smart Beta ETFs sind viel zu teuer

Kosten sind einer der größten Faktoren, warum viele Privatanleger nur dürftige Renditen erreichen. Eine Lösung dafür bieten ETFs.

Smart Beta ETFs sind im Durchschnitt etwas teurer als die Standard-Varianten. Der Finanzwesir vergleicht zwei entsprechende ETFs, von denen einer eine Kostenquote von 0,05% pro Jahr aufweist, die Smart Beta Variante eine Kostenquote von 0,3% p.a.

"Das bedeutet: Smart Beta ist 600 Prozent teurer als das Standardprodukt."

Korrekterweise müsste es heißen, dass der ETF um 500 Prozent teurer ist - aber darauf kommt es nun nicht an. 😉

Dieser Kostenunterschied klingt natürlich dramatisch. Dahinter steckt aber nach wie vor eine absolute Kostensteigerung von 0,25%.

Wenn die Wahrscheinlichkeit, dass du von einem Blitz getroffen wirst, um 1.000% steigt, ist es schließlich immer noch ein extrem unwahrscheinliches Ereignis.

Kosten einzusparen ist in jedem Fall der sicherste Weg zu mehr Rendite. Und wer skeptisch ist, dass ein Eingriff tatsächlich zu einer Renditesteigerung führt, sollte im Zweifelsfall immer die weniger komplexe und günstigere Variante vorziehen.

Die isolierte Kostenbetrachtung macht aber wenig Sinn, wenn dem ein Renditeplus von bspw. durchschnittlich 3% pro Jahr entgegensteht.

Wenn ich 1 -  4% p.a. mehr Rendite erwarte, bin ich gerne bereit, dafür "500% mehr an Kosten" bzw. 0,25 Prozentpunkte höhere Kosten zu bezahlen.

Ja, die Kosten sind höher. Und eine strikte Kostenminimierung ist eine gute Strategie. Die Frage bei der Beurteilung von Smart Beta ETFs ist aber viel mehr, ob wir davon ausgehen, dass einige Faktoren ein Renditeplus liefern, dass die höheren Kosten übersteigt.

Kritikpunkt #4: Die Überrendite von Smart Beta Faktoren ist nicht konstant (oder wird in Zukunft verschwinden)

Selbst wenn die Überrendite einiger Faktor-Strategien anerkannt wird, ist natürlich die entscheidende Frage, ob diese Rendite auch in Zukunft erwartet werden kann.

Das entscheidende Stichwort dafür ist die Arbitrage: Wenn jeder weiß, dass eine bestimmte Anlagestrategie risikofrei mehr Ertrag liefert, verschwindet dieser Ertrag, da alle diese Anlagestrategie nutzen.

Alex schreibt dazu:

"Nur weil Small Caps oder von mir aus Value-ETF in der letzten Zeit toll funktioniert haben, heißt das nicht automatisch, dass das auch in Zukunft so bleibt. Es gibt auch mehrere Jahre dauernde Perioden, in denen Megacaps besser als Small Caps gelaufen sind. Niemand weiß mit Gewissheit was als nächstes funktionieren wird."

Natürlich funktioniert ein bestimmter Faktor nicht Jahr für Jahr. Ein Risiko besteht in der Unsicherheit, wann und wie lange ein bestimmter Faktor funktioniert oder nicht.

Aber dass einige Faktoren im langfristigen Durchschnitt funktionieren ist breit nachgewiesen.

Mit der gleichen Argumentation, dass Aktien nicht jedes Jahr positive Renditen liefern, könnte man auch jede Investition in Aktien oder ETFs verteufeln.

Aber selbst wenn wir das akzeptieren: Verschwindet die Chance durch solche Faktoren nicht durch das Bekanntwerden eben dieser?

Der Finanzwesir fragt daher:

"Wie intelligent ist es zu glauben, dass ein allgemein bekannter Index den Markt langfristig schlägt?"

Das Verstehen der Arbitrage und damit einhergehend der hohen Effizienz der Finanzmärkte ist essentiell. Aber auch hier gibt es in meinen Augen zwei entscheidende Punkte, an denen diese Argumentationen haken.

Warum der Arbitrage-Gedanke in der Praxis oft scheitert

1. Haken: Warum wurden die Strategien, die teilweise bis zu 200 Jahre lang nachgewiesen werden konnten, noch nicht wegarbitriert?

Das Konzept der Arbitrage beruht auf der Annahme, dass ausreichend rationale und vollständig informierte Anleger am Markt agieren. Sobald eine Strategie, die eine Überrendite liefert, erkannt und von einem großen Teil umgesetzt wird, kann die Strategie nicht mehr funktionieren.

Die Kausalkatte der Arbitrage klingt in der Theorie logisch, ist in der Praxis aber oftmals nicht so zu beobachten.

Warum wurden viele der Faktoren in den letzten Jahren und Jahrzehnten noch nicht "wegarbitriert"?

Und eine noch spannendere Frage:

Wenn der Markt erwartet, dass es zur Arbitrage kommt und die Strategien nicht mehr funktionieren, sollte etwas erstaunliches passieren: Die Strategien funktionieren doch.

Nehmen wir rationale Anleger an, kennen diese schließlich die Strategien und gehen davon aus, dass der restliche Markt mögliche Überrenditen in der Zukunft unmöglich macht - wodurch sie paradoxerweise wieder möglich werden.

Wir landen in einem nie endenden Kreislauf der Rationalität, mit dem sich alles und nichts begründen lässt.

Jeder Anleger versucht rationaler als der andere zu sein. Ein Phänomen, das wir von Strategiespielen, der Kriegsführung oder auch aus der wissenschaftlichen Spieltheorie kennen.

"Der Gegner weiß, dass Option A meine beste Wahl ist. Deshalb mache ich es nicht und wähle Option B. Aber wenn der Gegner rational ist, weiß er, dass ich das machen werde. Deshalb wähle ich doch Option A. Aber wenn er rational ist, weiß er auch das, und ich wähle doch Option B..."

Das Argument, dass ein Großteil der Anleger sich rational verhält und solche Faktoren daher nicht zulässt, kann also genauso als Argument für das Funktionieren dieser Smart Beta Faktoren genutzt werden.

Die Gründe für das Funktionieren der Strategien sehen Finanzwissenschaftler zum einen in einem höheren Risiko, aus welchem eine höhere Risikoprämie resultiert. Hier ist also gar keine klassische Arbitrage möglich, da wir unterschiedliche Risiken haben.

Zum anderen begründen sich viele Faktoren, wie bspw. der über 200 Jahre nachgewiesene Momentum-Faktor, auf tief in der menschlichen Psyche verwurzelten Denkweisen, Trieben und Verzerrungen.

Natürlich besteht immer das Risiko, dass sich solche Effekte aus der Vergangenheit in der Zukunft abschwächen oder nicht mehr ergeben, da der Markt vollständig rational handelt (wobei wir dann im eben geschilderten Kreislauf der Rationalität gefangen sind) und diese Möglichkeiten "wegarbitriert" - aber was passiert dann (3. Haken)?

2. Haken: Was passiert, selbst wenn ab sofort alle Faktoren vollständig wegarbitriert wurden?

Ein Smart Beta ETF erreicht dann "nur" die Rendite des Standard-ETFs mit Kosten, die - je nach ETF - im Durchschnitt ca. 0,1 bis 0,3 Prozentpunkte höher sind.

Das Risiko ist also selbst im "worst case" Szenario, in dem wir davon ausgehen, dass alle Faktorprämien der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte ab sofort verschwunden sind, sehr begrenzt.

Dazu bieten einige Smart Beta ETFs nicht nur renditeseitige, sondern risikoseitige Vorteile in Form niedrigerer Schwankungen oder niedrigerer Maximalverluste in Krisenzeiten, welche sich kaum oder nur viel schwerer wegarbitrieren lassen.

Kritikpunkt #5: Faktorstrategien mit ETFs verkomplizieren die Geldanlage

Es gibt tatsächlich einen Kritikpunkt, den ich sehe und ihn gleichzeitig für den größten Kritikpunkt halte:

Smart Beta ETFs, Strategien und Faktoren machen die Anlage in ETFs komplizierter. Sie stehen der verführerischen Einfachheit von ETFs etwas entgegen (auch wenn der Zeitaufwand bei der Buy-and-hold-Strategie der gleiche ist).

Einer der größten Feinde von Anlegern ist die Ablenkung.

Das ständige Ausschau halten nach neuen Wunderstrategien und Lösungen, statt die Augen zu schließen und einfach mal nichts zu tun.

Smart Beta Strategien erfordern nicht nur spezifischeres Fachwissen, sondern können ablenken und ängstliche Anleger zusätzlich auf die Probe stellen, wenn der jeweilige Faktor mal zwei, drei Jahre hinter dem Gesamtmarkt zurückliegt.

Da ist es viel einfacher, von vornherein die Scheuklappen aufzusetzen und stumpf einen Aktienmarkt ohne jegliche Abweichungen abzubilden.

Ganz nach dem KISS-Prinzip: Keep it simple, stupid.

Außerdem öffnen Smart Beta ETFs Fondsgesellschaften die Tür, um jeden neumodischen Trend, der sich nicht über Jahrzehnte bewährt hat, in einen neuen Smart Beta ETF zu verpacken und mit erhöhten Kosten zu verkaufen.

Dabei denke ich vor allem an die ETFs, die bestimmte Branchen fokussieren, mit denen Anleger den Markt outperformen wollen. Dass Trend-Branchen meistens unterdurchschnittliche Renditen liefern habe ich hier bereits gezeigt.

Mittlerweile gibt es mehr als 350 Faktoren, über die diskutiert wird. Selbstverständlich können nicht alle funktionieren und unterliegt der Großteil Trends oder statistischen Zufällen. Diese Entwicklung ist nicht gesund für Privatanleger.

Nichtsdestotrotz sollten solche Experimente nicht mit wissenschaftlich nachgewiesenen Strategien in einen Topf geworfen werden, die wirklich Mehrwerte in Form höherer Renditen oder niedrigerer Schwankungen liefern können.

Nicht nur basierend auf ihrer historischen Überrendite, sondern logischen Begründungen (bspw. ein höheres Risiko oder psychologische Aspekte) und eine nachgewiesene Robustheit über verschiedene Perioden.

Kommer, Malkiel und Co.: Pioniere des passiven Investierens empfehlen Smart Beta ETFs

Ich habe in meinem Kurs "Die Rebell-Methode: Der kluge Weg zum Anlageerfolg" vor ca. einem Jahr ausführlich die Vor- und Nachteile von Smart Beta ETFs untersucht, die wissenschaftlichen Erkenntnisse vorgestellt, konkrete Faktoren, Anwendungsgebiete und Praxisbeispiele genannt.

Zu dieser Zeit war - und ist - die ETF-Welt noch sehr kritisch gegenüber solchen Anlagemethoden eingestellt.

Ich vermute, dass dies zu einem erheblichen Teil auf Gerd Kommer zurückgeht: Er hat das ausgezeichnete Buch "Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs" (Partner-Link) veröffentlicht, worauf die meisten Erkenntnisse der Finanzblogger (zu Recht) zurückgehen.

Gerd Kommer empfiehlt keine Smart Beta ETFs in seinem Weltportfolio - und nahezu alle Finanzblogs folgen seinem Vorbild.

Trotzdem habe ich diese Erkenntnisse in meinem Kurs umgesetzt.

Im März 2018, hat Gerd Kommer die 5. Auflage seines Buchs veröffentlicht. Und was hat sich geändert?

Nun werden Smart Beta ETFs als zentraler Teil für ein gut aufgestelltes ETF-Portfolio empfohlen. Unter anderem mit Musterportfolios, Faktoren und Indizes, die ich schon vor fast einem Jahr - trotz Gegenwinds - in meinem Kurs geteilt habe.

Gerd Kommer selbst hat, schon vor seinen expliziten Empfehlungen aus der neuesten Auflage, erkannt:

“Ein Verzicht auf jedweden »Factor Tilt«, d.h. Verzicht auf jede Übergewichtung der (...) Faktorprämien in einem Aktienportfolio gegenüber einem »traditionellen«, auf westeuropäische Länder beschränkten Standardwerteportfolio, dürfe einen Privatanleger langfristig zwischen einem und dreieinhalb Prozentpunkte Rendite kosten.“

Und auch Burton Malkiel, der in den USA als einer der Erfinder von Indexfonds und der passiven Anlagephilosophie gilt (u.a. durch sein legendäres Buch "A Random Walk Down Wall Street" von 1973) ist mittlerweile, durch die jahrzehntelange wissenschaftliche Forschung und stark gesunkene Kosten, von der Nutzung solcher Faktorstrategien durch ETFs überzeugt.

Auch der Vermögensverwalter Patrick O'Shaughnessy schreibt:

"Ultimately smart beta offers access strategies proven to be more effective than market-cap weighting."

Zum einen sehe ich die vorherrschende Ablehnung in der ETF-Welt sowohl darin begründet, dass Gerd Kommer als Pionier diese bis vor Kurzem nicht explizit eingebunden hat.

Zum anderen teilen die meisten ETF-Anleger eine berechtigte Skepsis gegenüber allem, was auch nur ansatzweise in die Richtung aktiven Investierens geht und glauben womöglich an zu 100% effiziente Märkte.

Aber nur, weil das Standardkriterium der Gewichtung die Aktiengröße ist, sollte man nicht davon ausgehen, dass es der optimale Faktor ist.

Ein Gedankenexperiment: Was würdest du wählen?

Nehmen wir an, du musst dich heute entscheiden, wie du für die nächsten 20 bis 30 Jahre anlegst. Du darfst nie wieder etwas daran ändern.

Du hast die Wahl zwischen einem kostengünstigen Indexfonds, der den Markt nachbildet und die Aktien nach ihrer Größe gewichtet..

...und einer regelmäßig aktualisierten Gruppe von Aktien, die automatisiert nach Kriterien ausgewählt werden, die in der Vergangenheit nachweislich für höhere Renditen und niedrigere Schwankungen geführt haben. Diese Aktien sind im Durchschnitt günstiger bewertet als der Markt,  arbeiten profitabler, sind finanziell stabiler aufgestellt, lassen ihre Anleger am Gewinn teilhaben und weisen positive Kursentwicklungen auf.

Was würdest du wählen?

Versteh mich nicht falsch:

Smart Beta ETFs sollte man mit Skepsis begegnen. Nicht zuletzt deshalb, da es unzählige Faktoren gibt, von denen nur wenige in der Finanzwissenschaft anerkannt sind.

Viele Anleger werden mit Smart Beta ETFs scheitern, weil diese zu aktivem Handeln verführen können. Gerade Anleger, die sehr anfällig für ständiges Umschichten, Crash-Prognosen und Trend-Investments sind, sollten sich prinzipiell davon fern halten.

Und auch Anleger, die wenig Lust auf die Geldanlage haben, Komplexität meiden und nur "Mach XYZ und lass es so!" Ratschläge wollen, sind vermutlich mit den Möglichkeiten der Smart Beta ETFs überfordert und sollten bei den klassischen Varianten bleiben.

Und wenn du davon überzeugt bist, dass die Märkte vollständig effizient sind und die Faktoren, die in den letzten Jahrzehnten funktioniert haben, in der Zukunft nicht mehr funktionieren werden, sind Smart Beta ETFs ebenfalls nicht das Mittel deiner Wahl.

Wenn du allerdings nicht zu diesen Gruppen gehörst, können Smart Beta ETFs - trotz der Kritik einiger ETF-Blogger - lohnenswerte Möglichkeiten bieten, ohne den wissenschaftlichen Rückenwind des passiven Investierens in ETFs zu verlieren.

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