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Klar denken, klug investieren: 13 tödliche Denkfehler, die du vermeiden musst

Anlegerpsychologie, auch Behavioural Finance genannt, ist eine der wichtigsten Disziplinen, um dein Geld erfolgreich anzulegen.

Denn wir alle unterliegen Denkfehlern. Genauer: Kognitiven Verzerrungen.

Systematischen, fehlerhaften Neigungen beim Wahrnehmen, Denken, Erinnern und Urteilen, die uns zum Spielball der Finanzindustrie machen.

Das Problem: Wir merken nicht, dass wir fehlerhafte Verzerrungen in unserem Denken haben. Wir glauben, dass wir gut informierte und rationale Entscheidungen treffen.

In diesem Artikel erfährst du...

  • Warum ein gutes Ergebnis nicht bedeutet, dass du eine kluge Entscheidung getroffen hast
  • Wie selbst Experten bei ihren Prognosen und Schätzungen manipuliert werden, ohne, dass es irgendjemandem auffällt
  • Wie Fondsgesellschaften ihre Renditen legal schön rechnen
  • Warum Informationen oft mehr Feind als Freund sind (und wie du mit ihnen richtig umgehst)
  • Das Gesetz, das langfristig alle Renditen an den Aktienmärkten bestimmt - und wie die Anleger, die gegen dieses Gesetz handeln, scheitern

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Wenn du eine Schlucht siehst, die 6 Meter breit ist, kennst du deine Grenzen und weißt sofort: "Da versuche ich jetzt mal lieber nicht drüber zu springen."

Unsere Grenzen beim Denken kennen wir aber nicht. Ein Mensch, der 100% rational handelt, wird als "Homo Oeconomicus" bezeichnet. Diesen Menschen gibt es nicht - aber die meisten Menschen halten sich für eben diesen Menschen.

Und deshalb laufen und springen wir oft ins Verderben, ohne es zu merken.

Denn die Psyche entscheidet über alles: Die Wahl deiner Anlagestrategie, den Umgang mit der Geldanlage, Erfolg oder Misserfolg.

Deshalb zeige ich dir in diesem Artikel die Tiefen der Anlegerpsychologie und die schwerwiegendsten kognitiven Verzerrungen, die deine Geldanlage ins Fiasko stürzen können und wie du sie vermeidest.

Vorab muss ich gestehen: Die Auswahl der Denkfehler erfolgt basierend auf meinen persönlichen Erfahrungen mit Anlegern und Menschen. Sie könnte also verzerrt sein. 😉

Die ersten beiden Denkfehler behandle ich etwas ausführlicher, da sie unsere Entscheidungen zentral prägen. Alle weiteren Denkfehler und kognitive Verzerrungen werde ich kurz und prägnant halten.

Die wichtigste kognitive Verzerrung ist übrigens die letzte. Wenn du sie kennst, wirst du wissen, warum.

Denkfehler #1: Die Risikoaversion

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Ein Münzwurf findet statt. Du zahlst 50€ um dabei zu sein und hast zwei Optionen zur Auswahl.

Option 1: Bei Kopf erhältst du 120€, bei Zahl erhältst du 0€.

Option 2: Bei Zahl erhältst du 90€, bei Zahl erhältst du 30€.

Für welche Option entscheidest du dich?

Die meisten würden hier Option 2 bevorzugen. Der Grund: Die Risikoaversion.

Der Erwartungswert, also der Ertrag, den wir im Durchschnitt aus dem Spiel erwarten, ist bei beiden Optionen identisch. Er liegt bei 60€.

Das Risiko bei Option 1 ist jedoch größer, da die Ergebnisse eine größere Breite aufweisen.

Wenn wir finanzielle Entscheidungen mit gleichen Erwartungswerten beurteilen, werden wir - gemäß der Entscheidungstheorie und der Risikoaversion - die Option wählen, die weniger Risiko aufweist.

Anlegerpsychologie at it's best: Die schädliche Angst vor dem Risiko

Bis hierhin ist das noch ein rationales Verhalten. Problematisch wird es dann, wenn die Risikoaversion so stark ist, dass sie keine Entscheidungen mit positivem Erwartungswert zulässt - wie beispielsweise eine Investition in Aktien.

Denn wenn man versteht, dass Rendite eine Entschädigung für Risiko ist, das man als Anleger auf sich nimmt, erkennt man, dass enorm risikoscheue Anleger nie eine hohe Rendite erreichen können.

Vergleichen wir eine beispielhafte Investition von 10.000€ in den Aktienmarkt mit dem Tagesgeldkonto (bei 2% Verzinsung) auf 1-Jahres-Sicht:

Aktienmarkt: Mit 70% Wahrscheinlichkeit gewinnst du 2.000€ (= 20%), mit 30% Wahrscheinlichkeit verlierst du 2.000€ (= -20%). Der Erwartungswert liegt damit bei einem Gewinn von 800€ (= 8%, entspricht der Durchschnittsrendite des deutschen Aktienmarktes).

Tagesgeldkonto: Mit 100% Wahrscheinlichkeit gewinnst du 200€ (= 2%), mit 0% Wahrscheinlichkeit verlierst du Geld. Der Erwartungswert liegt also bei einem Gewinn von 200€ (= 2%).

Aktien haben eine viel größere Schwankungsbreite, also ein höheres Risiko, aber einen deutlich höheren Erwartungswert.

Im Durchschnitt gewinnt also der Sparer, der sein Geld in den Aktienmarkt investiert, jedes Jahr 600€ gegenüber dem Sparer, der so risikoavers ist, dass er auf dem "sicheren" Tagesgeldkonto bleibt.

Es gibt an der Börse keine Garantie. Es gibt aber Wahrscheinlichkeiten und einen Erwartungswert, der uns gewinnen lässt, wenn wir unsere Angst vor Risiko, also Schwankungen und Ungewissheit, besiegen.

(Im Übrigen bin ich der Meinung, dass eine kluge Investition in Aktien sogar sicherer ist als das Sparbuch oder das Tagesgeldkonto. Den Grund dafür sowie das #1 Risiko für Vermögen erfährst du hier.)

An der Börse führt dieser Fehler dazu, dass...

... Sparer profitable Investitionen nicht wahrnehmen, sondern sich für weniger rentable Anlagen entscheiden.

Denkfehler #2: Die Verlustaversion

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Eine weitere Aversion ist eng mit der Risikoaversion verknüpft: Die Verlustaversion.

Wir hassen nicht nur Risiko, also Ungewissheit und Schwankungen, sondern auch Verluste. Und das führt zu irrationalen Entscheidungen.

Die Verlustaversion wurde seit 1979 von Kahnemann und Tversky in der Prospect Theory, der "neuen Erwartungstheorie", geprägt.

Sie besagt: Wir gewichten Verluste höher als Gewinne. Wir ärgern uns mehr über den Verlust von 100€, als wir uns über den Gewinn von 100€ freuen.

Dies wird in folgendem Diagramm verdeutlicht:

Propsect theory Value Function - Verlustaversiona

Verlustaversion - Quelle: Odean (1998)

In verschiedenen Experimenten lag der durchschnittliche Faktor, um den Verluste stärker gewichtet werden als Gewinne, bei 1,5 bis 2,5.

Das bedeutet: Wenn du 100€ verlierst brauchst du einen Gewinn von 150€ bis 250€, um "gefühlt" bei Null zu sein.

Diese Verlustaversion verdeutlicht, wie schwer es für einige Menschen ist, an der Börse durch Verlustphasen zu gehen. Selbst wenn sie im Durchschnitt Geld gewinnen sind es die temporären Verluste und Einbrüche, die das Anlegerleben erschweren.

Und nicht zuletzt ist das ein Grund, warum Anleger ausgerechnet in Crashs verkaufen - obwohl die ökonomische Vernunft sagen würde, dass man dann verkauft, wenn der Wert gestiegen ist, nicht wenn er gefallen ist.

Aber dabei bleibt es nicht:

Anleger neigen dazu Verlustaktien länger zu halten, in der Hoffnung, dass diese sich wieder erholen. Aktien, die im Gewinn liegen, verkaufen sie hingegen deutlich schneller, obwohl dies nicht durch entsprechende Informationen, rationale Überzeugungen, Transaktionskosten oder Ähnliches gerechtfertigt werden kann. (Odean, 1998)

Zentrale Erkenntnisse zur Verlust- und Risikoaversion

Die Verlustaversion von Menschen liegt durchschnittlich bei 1,5 bis 2,5.

Bei gleichem Erwartungswert bevorzugen Anleger die Option, die weniger Risiko aufweist.

Anleger halten Gewinner-Aktien kürzer als Verlierer-Aktien, in etwa nur halb so lange (Shapira und Venezia, 2001).

Weitere interessante Erkenntnisse:

Die Verlustaversion gilt als eine der Ursachen für die "sunk cost fallacy". (Kahnemann und Tversky, 1979) Mehr dazu gleich.

Gächter, Johnson und Herrmann (2010): Männer und Frauen sind ähnlich verlustavers. Mit zunehmendem Alter steigt die Verlustaversion. Mit steigendem Bildungsniveau werden Menschen risikoscheuer.

Denkfehler #3: Bestätigungsfehler, Filterblasen und selektive Wahrnehmung

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Was glaubst du: Jemand, der vor der Präsidentschaft von Donald Trump davon überzeugt war, dass Trump ein schlechter Präsident wird - welche Informationen wieder dieser eher aufnehmen?

Die, in denen Donald Trump als guter Präsident oder die, in denen er als schlechter Präsident da steht?

Nach dem Bestätigungsfehler eher nach letzteren. Wir neigen dazu, Informationen so auszuwählen und zu bewerten, dass sie unsere eigene, vorherrschende Meinung und Erwartung bestätigen.

Das ist speziell dann der Fall, wenn die Meinung zu Theorie fest etabliert ist - was der Volksmund auch als Sturheit bezeichnen würde - oder unsere Erwartung uns ein positives Gefühl gibt.

Dieser Bestätigungsfehler wird durch das Internet komplettiert:

Wir können uns heute die Informationen, die wir erhalten, so individuell gestalten wie nie zuvor. Wir sehen nur ausgewählte YouTube-Videos, lesen ausgewählte Blogs und Newsletter, erhalten Inhalte von Seiten, denen wir auf Facebook folgen.

Jemand, der also glaubt, dass die Welt untergehen wird, folgt nur noch Crash-Propheten und blendet alle andere Meinungen (bewusst und unbewusst) aus.

Jemand, der glaubt, dass Aktien nur Zockerei sind und nichts mit Vermögensaufbau zu tun haben, wird die Fakten entweder nie sehen oder sie, gemäß dem Bestätigungsfehler, kaum wahrnehmen.

Jemand, der politisch links eingestellt ist, liest nur tendenziell linke Zeitschriften, folgt linken Seiten auf Facebook und umgibt sich mit politisch linksorientierten Menschen.

So werden Filterblasen erschaffen, die den objektiven Informationsaustausch erschweren und verhindern. Und selbst wenn Informationen ausgetauscht werden müssen diese erst einmal den Bestätigungsfehler überwinden.

An der Börse führt dieser Fehler dazu, dass...

... Menschen, die ausschließlich in einzelne Aktien investieren, sich an (größtenteils) unbegründeten oder gänzlich falschen Kritikpunkten an ETFs aufhängen.

... Anleger ihre eigene Anlagestrategie nicht hinterfragen, sondern unbewusst die Informationen aufnehmen, die ihre eigene Strategie bestätigt.

... Anleger, die aufgrund einer vorherrschenden Meinung eine bestimmte Aktie (bspw. Amazon) kaufen wollen, sich gezielt Artikel und Analystenmeinungen heraussuchen, die diese Meinung bestätigen.

Denkfehler #4: Selbstüberschätzung (Overconfidence Bias) & Dunning-Kruger-Effekt

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Ich war vor einigen Jahren auf einem Börsenseminar. Eine Frage wurde an das überwiegend männliche Publikum gestellt:

"Wer von ihnen hält sich für einen überdurchschnittlich guten Autofahrer?"

Etwa 80% aller Hände gingen hoch. Ja, ich geb's zu, meine auch. 

Offensichtlich muss sich ein großer Teil von uns stark überschätzen. 

Im Zweifelsfall sind es natürlich immer die anderen. 😉 Darauf kommen wir gleich noch zu sprechen.

Das Problem der Selbstüberschätzung wird noch durch den Dunning-Kruger-Effekt bestärkt.

Dieser beschreibt die Neigung relativ inkompetenter Menschen, das eigene Können zu überschätzen und das Können anderer zu unterschätzen.

Dunning und Kruger, die Namensgeber dieses Effekts, konnten zeigen, dass ausgerechnet schwache Leistungen mit höherer Selbstüberschätzung einhergehen als stärkere Leistungen.

„Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist. […] Die Fähigkeiten, die man braucht, um eine richtige Lösung zu finden, [sind] genau jene Fähigkeiten, die man braucht, um eine Lösung als richtig zu erkennen.“

- David Dunning

Anders formuliert: Dumme Menschen halten sich für schlau, da sie nicht in der Lage sind, ihre eigene Inkompetenz auf dem jeweiligen Themengebiet zu reflektieren.

Vor diesem Hintergrund muss ich jedes Mal schmunzeln, wenn mir in Mails oder Blog-Kommentaren jemand die komplette Wirtschaft und die komplexen Mechanismen mit irgendeinem YouTube-Video erklären möchte - wobei das Ergebnis natürlich immer ein "baldiges Ende unserer Wirtschaft" ist, wie es Crash-Propheten schon seit Jahrzehnten und Jahrhunderten heraufbeschwören.

An der Börse führt dieser Fehler dazu, dass...

... alle aktiven Anleger glauben, dass sie bessere Aktien finden können als der Rest, obwohl der Großteil dabei scheitert.

... inkompetente Menschen sind oft am lautesten und am stärksten von ihrer eigenen Ansicht und Anlagestrategie überzeugt.

Denkfehler #5: Die selbstwertdienliche Verzerrung (Self-serving Bias)

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Wer ist dafür verantwortlich, wenn eine Fußballmannschaft ihr Spiel gewinnt?

Natürlich die Spieler.

Wer ist dafür verantwortlich, wenn eine Fußballmannschaft verliert?

Natürlich der Schiedsrichter, der Rasen, das Wetter oder das fehlende Glück.

Eigene Erfolge schreiben wir nur allzu gerne unseren eigenen Fähigkeiten zu, eigene Misserfolge eher äußeren Ursachen, auf die wir keinen Einfluss haben.

Die Wahrheit ist: Jedes Resultat - ob Erfolg oder Misserfolg, ob beim Fußball oder an der Börse - ist eine Mischung aus Zufall und eigenen Fähigkeiten.

Dieses Beispiel aus der Anlegerpsychologie zeigt: Gerade, wenn wir Geld anlegen, dürfen wir uns nicht nach Belieben den Zufall als Ausrede oder die eigenen Fähigkeiten als Schulterklopfen aussuchen, sondern müssen ehrlich zu uns selbst sein.

An der Börse führt dieser Fehler dazu, dass...

... wir erfolgreiche Aktienkäufe unserem eigenen Können zuschreiben, wir verlustreiche Aktienkäufe auf äußere Umstände (den dämlichen Markt, der EZB, der Politik oder unvorhersehbare Ereignissen) zurückführen.

Denkfehler #6: "Performance chasing" und die Regression zur Mitte

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Vorgestern schien die Sonne und wir hatten warme 22 Grad. Gestern waren es 23 Grad. Heute sind es schon 24 Grad.

Deutet das nun daraufhin, dass die Temperatur mit hoher Wahrscheinlichkeit jeden Tag weiter um 1 Grad steigen wird?

Nein. Je länger es so warm ist und wärmer wird, desto höher steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Temperatur sinkt.

Die Temperaturen pendeln um einen Mittelwert. Mal ist es kälter, mal ist es wärmer.

Dies bezeichnen wir in der Statistik als Regression zum Mittelwert: Alle Statistiken haben Ausreißer und Schwankungen, tendieren im langfristigen Durchschnitt aber zu ihrem Mittelwert.

Das gilt bei Temperaturen, aber auch an der Börse.

Der sogenannte "Mean reversion effect" ist dabei ein Gesetz, das wir seit Jahrzehnten an den Aktienmärkten beobachten können:

Aktienkurse und Kursentwicklungen tendieren grob zu einem Mittelwert. Es gibt keine Branche und keine Region, die in alle Ewigkeit besser abschneiden wird als eine andere.

Dabei verstehen es viele Anleger intuitiv nicht und handeln entgegengesetzt: Sie jagen den hohen Renditen hinterher, betreiben sogenanntes "performance chasing", und ignorieren das Gesetz der Regression zur Mitte.

An der Börse führt dieser Fehler dazu, dass...

... Anleger eher Gewinner- als Verlierer-Aktien und Fonds kaufen, was nachweislich eine schlechte Idee war und zu unterdurchschnittlicher Performance geführt hat.

Denkfehler #7: Der Trugschluss versunkener Kosten (Sunk Costs Fallacy)

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Stell dir vor, du bist der Geschäftsführer eines Unternehmens und musst über eine Investition entscheiden. Wenn das Projekt erfolgreich wird, bedeutet das für das Unternehmen einen Gewinn von 10 Mio. Euro.

Es ist unklar, ob das Projekt klappt. Deshalb werden im ersten Schritt 5 Millionen Euro investiert, um zu sehen, wie teuer eine vollständige Umsetzung des Projekts wäre.

Nach der ersten Investition von 5 Mio. Euro zeigt sich, dass noch 7 Mio. Euro investiert werden müssen, um das Projekt erfolgreich abzuschließen. Die Gesamtkosten würden dann 12 Mio. Euro betragen, der Gewinn 10 Mio. Euro.

Wie entscheidest du dich? Gibst du die 7 Mio. Euro als Budget frei oder nicht?

Richtig ist: Das Budget wird freigegeben und das Projekt fertiggestellt.

Denn die 5 Millionen Euro, die bereits investiert worden, sind "versunkene Kosten". Egal, wie du dich entscheidest, dieses Geld ist weg.

Einzig und allein entscheidend ist die Frage, ob die nächsten 7 Mio. Euro einen Zusatzertrag bringen oder nicht.

An der Börse führt dieser Fehler dazu, dass...

... Anleger bereits verlorenes Geld in ihre Entscheidungsfindung miteinbeziehen, obwohl es keine Rolle mehr spielt.

... Investoren möglicherweise unprofitable Projekte durchführen oder auf Profite verzichten, da sie ihre "sunk costs" berücksichtigen.

Denkfehler #8: Der Rückschaufehler (Hindsight Bias)

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"Ich wusste doch schon immer, dass Apple und Amazon einmal so erfolgreich werden. Hätte ich nur damals investiert! Diesen Fehler begehe ich dieses Mal nicht..."

So oder so ähnlich hört man viele Menschen über ihre Prognosen aus der Vergangenheit urteilen.

Das Problem: Unser Erinnerungsvermögen spielt uns hierbei mehrere Streiche.

Zum einen neigen wir dazu unsere fehlgeschlagenen Prognosen zu vergessen. Wenn wir uns vor zehn Jahren also 20 Aktien angeschaut hätten, die wir interesant fanden, von denen mittlerweile 18 in der Versenkung verschwunden sind, sind uns nur die beiden Aktien präsent, die heute Erfolg haben.

Zum anderen neigen wir dazu unsere ursprüngliche Prognose an das endgültige Ergebnis anzupassen. Oftmals war man sich also gar nicht so sicher, als man ein Ergebnis prognostiziert hat, im Nachhinein passt man seine Prognose aber (unbewusst) an das Ergebnis an.

Ein Beispiel: Vor einer Bundestagswahl prognostiziert jemand ein Ergebnis von 30% für die RAP, die "Rebellische AktionärsPartei". Letztendlich bekommst sie aber 50% der Stimmen. Rückblickend sagt diese Person, dass man etwa 40% prognostiziert hätte.

Nicht, um andere zu täuschen, sondern weil Menschen tatsächlich oft der Überzeugung sind, eine richtigere Prognose abgegeben zu haben, als es der Realität entspricht.

Im Rückspiegel ist alles vermeintlich sehr leicht erkennbar. Der Grund dafür liegt aber nicht darin, dass wir hellseherische Fähigkeiten haben, sondern darin, dass wir der Anlegerpsychologie und dem Rückschaufehler zum Opfer fallen.

An der Börse führt dieser Fehler dazu, dass...

... Anleger sich rückblickend betrachtet für Hellseher und Experten halten und ihre Fähigkeiten überschätzen, da sie ihre (angeblichen) Prognosen bestätigt sehen.

Denkfehler #9: Der Ankereffekt

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Der Ankereffekt ist einer der stärksten Effekte in der Verhaltensökonomie und beim Aufstellen von Prognosen, dem selbst Experten erliegen.

Tversky und Kahnemann ließen ihre Probanden ein Glücksrad drehen, wodurch sie eine Zufallszahl zwischen 0 und 100 als "Anker" erhielten.

Nun sollte geschätzt werden, ob der Prozentsatz der afrikanischen UNO-Mitgliedsstaaten über oder unter dieser Zahl liegt. Anschließend sollten die Probanden noch einen exakten Schätzwert abgeben.

Die Ergebnisse:

Der Mittelwert der Schätzungen von Personen, deren Glücksradzahl 65 war, lag bei 45%.

Bei den Personen, deren Glücksradzahl bei 10 lag, lagen die Schätzungen durchschnittlich bei 25%.

Wir haben also zwei stark unterschiedliche Schätzungen, die einzig und allein von einer zufälligen Zahl am Glücksrad beeinflusst wurde.

Der Anker ist eine Zahl, die vor einer Schätzung, Prognose oder Informationsverarbeitung gesetzt wird und diese beeinflusst.

Dabei ist völlig egal, ob der gesetzte Anker einen inhaltlichen Bezug zur Frage hat oder völlig unabhängig davon gesetzt wird, wie im Beispiel gezeigt.

Auch Experten unterliegen dem Ankereffekt

Im vorherigen Beispiel wurden Laien untersucht. Aber der Effekt tritt auch bei Experten auf, bei denen wir annehmen würden, dass diese ihre Kompetenz entscheiden lassen und keine willkürlichen Zahlenspiele.

Northcraft und Neale haben sowohl Studenten als auch Immobilienexperten gebeten Immobilienpreise zu schätzen. Alle Teilnehmer erhielten eine 10-seitige Broschüre mit allen Informationen.

Der einzige Unterschied: Die Hälfte der Teilnehmer erhielt einen anderen Listenpreis, also einen anderen Anker.

Das Ergebnis: Beide Gruppen, sowohl Experten als auch Amateure, ließen ihre Schätzung von den angegebenen Listenpreisen stark beeinflussen.

Englich und Mussweiler konnten zeigen, dass sich sogar der Urteilsspruch von Richtern mit mehr als 15 Jahren Berufserfahrung von Empfehlungen eines Informatikstudenten im 1. Semester oder von einer gewürfelten Zufallszahl beeinflusst werden kann.

An der Börse führt dieser Fehler dazu, dass...

... Prognosen und Schätzungen, sowohl von Experten wie Fondsmanager und Analysten als auch von normalen Privatanlegern, schnell verzerrt sind.

... Anleger ihren eigenen Kaufkurs als Anker nehmen um mögliche Kursentwicklungen abzuschätzen. Wenn der Kurs unter ihren Kaufkurs fällt, warten sie beispielsweise darauf, dass der Kurs den Kaufkurs (also eine völlig subjektive Marke, die der Markt nicht kennt) wieder überschreitet.

Denkfehler #10: Die Informationsverzerrung (Information Bias)

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Wir leben im Informationszeitalter. Wir haben Informationen ohne Ende, an jeder Ecke werden wir mit ihnen beschallt.

Das ist auch der Grund, warum ich dir hier und in meinen Online-Kursen Entschleunigung, Vertiefung und einen Fokus aufs Wesentliche bieten möchte, statt dich dauernd mit neuen Wasserstandsmeldungen verrückt zu machen.

"Hast du einen Feind, gib ihm Informationen."

- Ralf Dobelli, Sachbuchautor

Ein Beispiel verdeutlicht dies hervorragend:

Stell dir vor, du möchtest eine Landkarte kaufen - und zwar nicht irgendeine: Du möchtest die detaillierteste Landkarte, die du bekommen kannst.

Was ist die detaillierteste Landkarte? Eine, die die Realität 1:1 abbildet.

Du wirst also letztendlich eine Karte kaufen, die dir genau das zeigt, was du siehst, wenn du die Augen von der Karte nimmst und dir die Realität anschaust.

Der Nutzen einer Karte besteht darin, dass sie Informationen vereinfacht und komprimiert widergibt; nicht darin, dass sie dir alles Informationen und Details liefert.

Rolf Dobelli liefert ein Beispiel aus dem medizinischen Bereich, das zeigt, wie nutzlose Informationen unsere Entscheidungen beeinflussen:

„Der Forscher Jonathan Baron hat Ärzten folgende Frage gestellt: Ein Patient leidet an Symptomen, die mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 % auf Krankheit A hinweisen. Falls es nicht Krankheit A ist, handelt es sich entweder um Krankheit X oder Y.

Jede Krankheit muss anders behandelt werden. Jede der drei Krankheiten ist etwa gleich schlimm, und jede Behandlung zieht vergleichbare Nebeneffekte nach sich.

Welche Behandlung würden Sie als Arzt vorschlagen? Logischerweise würden Sie auf Krankheit A tippen und somit Therapie A empfehlen.

Angenommen, es gibt einen Diagnosetest, der im Fall von Krankheit X »positiv« angibt, im Fall von Krankheit Y »negativ«. Falls der Patient jedoch Krankheit A hat, sind die Testresultate in der Hälfte der Fälle positiv, in der anderen Hälfte negativ.

Würden Sie als Arzt diesen Test empfehlen? 

Die meisten Ärzte, denen diese Frage gestellt wurde, empfahlen ihn – und das, obwohl die dadurch gewonnene Information irrelevant ist. 

Angenommen, das Testresultat ist positiv. Dann ist die Wahrscheinlichkeit für Krankheit A noch immer viel größer als für Krankheit X.

Die zusätzliche Information, die der Test liefert, ist für die Entscheidung komplett nutzlos.“

Auszug aus: „Die Kunst des klugen Handelns: 52 Irrwege, die Sie besser anderen überlassen“ von Rolf Dobelli

Es gewinnt meist nicht der, der die meisten Informationen hat, sondern der, der die wichtigsten Informationen hat und die richtigen Schlüsse daraus zieht.

An der Börse führt dieser Fehler dazu, dass...

... Anleger und Aktionäre ständig auf der Suche nach mehr Informationen sind statt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

... Anleger unzählige Stunden in die Analyse von Aktien investieren und glauben, dass sie auf Seite 137 im vorletzten Satz die entscheidende Information finden, die alles verändert.

Denkfehler #11: Der Überlebensirrtum (Survivorship Bias)

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Englische Ingenieure wollten die Panzerung der Flugzeuge im Zweiten Weltkrieg verbessern um die Überlebensraten der Piloten zu steigern.

Sie verstärkten die Panzerung der zurückgekehrten Maschinen gezielt an den Stellen, die die meisten Einschusslöcher aufwiesen. Logisch, oder?

Das Ergebnis war ernüchternd: Die Überlebensrate verbesserte sich nicht.

Ein Mathematiker namens Abraham Wald erkannte den Irrtum. Er empfahl, die Flugzeuge dort zu verstärken, wo keine Einschusslöcher waren, da Treffer dort offensichtlich zu einem Absturz führten und eine Rückkehr unmöglich machten.

Dahinter steckt der Überlebensirrtum: Wir ziehen Schlussfolgerungen aus den "Überlebenden", wodurch die Stichprobe verzerrt und falsche Erkenntnisse gezogen werden.

Mark Zuckerberg und Bill Gates haben ihr Studium abgebrochen und sind danach Milliardäre geworden. Ist der Abbruch eines Studiums also ein Erfolgsrezept?

Nein. Die Studienabbrecher, die keinen Erfolg hatten, sehen wir nur nicht - die erfolgreichen hingegen schon.

Fondsgesellschaften, die dir ihre Fonds schmackhaft machen möchten, weisen oft gute Renditen aus. Dabei zeigen zahlreiche Studien eindeutig, dass etwa 94 - 97% der Fonds langfristig hinter ihrem Vergleichsindex liegen.

Der Grund: Die Fonds, die keinen Erfolg haben, werden geschlossen. Die Fondsgesellschaft kann diese also gar nicht mehr anbieten und zeigt dir deshalb nur Fonds, die überlebt haben, was die Wahrnehmung verzerrt.

Abhilfe schaffen hier u.a. wissenschaftliche Studien, die auf genau solche Dinge achten und repräsentative, fundierte Erkenntnisse liefern.

Das ist ein zentraler Grund, warum ich persönlich wissenschaftliche Erkenntnisse in den allermeisten Fällen den individuellen Praxiserfahrungen und Anekdoten von Experten, die durch die Denkfehler der Anlegerpsychologie verzerrt sind, vorziehe.

An der Börse führt dieser Fehler dazu, dass...

... Fondsgesellschaften ein besseres Bild ihrer Fonds schaffen, als wenn wir alle Fonds betrachten würden, die je aufgelegt wurden.

... wir von einigen Überflieger-Aktien wie Amazon, Apple und Facebook darauf schließen, dass Technologie-Aktien fast immer sichere Investitionen mit hoher Rendite sind, da wir den Großteil der Internetunternehmen, die insolvent gegangen sind, heute nicht mehr sehen.

Denkfehler #12: Die Ergebnisillusion (Outcome Bias)

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Die Ergebnisillusion ist besonders heimtückisch in der Börsenpsychologie und wird gern als Scheinargument in Diskussionen gebracht. Was dahinter steckt, warum es nur ein Scheinargument ist und warum ein gutes Ergebnis nicht für eine gute Entscheidung spricht, zeige ich dir jetzt.

Ein Lotto-Gewinner kommt strahlend aus dem Wettlokal und ruft:

"Ich hab' gewonnen! Das war die beste Entscheidung meines Lebens!"

Hier muss der gewissenhafte Statistiker einschreiten. War der Kauf des Lottoscheins wirklich eine kluge Entscheidung, weil der Käufer danach gewonnen hat?

Nein, denn er konnte nicht wissen, dass er gewinnt. Im Durchschnitt verliert man mit einem Lottoschein Geld, da jemand damit Geld verdienen möchte.

Es war also eine Entscheidung mit einem negativen Erwartungswert, sprich: Eine schlechte Entscheidung. Das ändert auch nicht der riesige Haufen Glück, der danach zum Gewinn führte.

Genauso kann jemand eine Aktie kaufen, welche aus rationaler Sicht nicht kaufenswert ist und damit Erfolg haben. Kritiker der Entscheidung werden dann oft mit dem Scheinargument "Der Erfolg gibt mir doch Recht" abgetan. Auch das ist aber offensichtlich ein großer Denkfehler.

Darüber hinaus fehlt oft ein Vergleichspunkt bei der rückwirkenden Analyse. Das verdeutlicht folgendes Beispiel:

Volkswagen führt ein neues Automodell ein. Die Aktionäre rebellieren, der Vorstand zieht es durch. Nach einem Jahr erklärt der Vorstand auf der Hauptversammlung:

"Unser neues Modell war ein voller Erfolg!"

Das Problem: Wir wissen nicht, wie erfolgreich eine Alternative gewesen wäre. Wie erfolgreich wäre der Konzern gewesen, wenn er...

  • ... ein anderes Modell eingeführt hätte? Hätte es den bisherigen Erfolg noch getoppt?
  • ... die Ressourcen im Marketing eingesetzt und damit den gesamten Konzern erfolgreicher gemacht hätte?
  • ... nicht davon profitiert hätte, dass das neue Modell völlig unvorhersehbar im neuen James Bond Film gefahren wurde?

Der Outcome Bias verdeutlicht: Eine Entscheidung lässt sich nicht am Ergebnis beurteilen. Weder spricht ein Ergebnis allein für eine kluge Entscheidung, noch kennen wir einen optimalen Vergleichspunkt.

An der Börse führt dieser Fehler dazu, dass...

... Vorstände und Geschäftsführer von Unternehmen gute Ergebnisse fälschlicherweise als kluge Entscheidungen verkaufen.

... Anleger gute Ergebnisse fälschlicherweise als kluge Entscheidungen verkaufen und einen Faktor wie Glück bzw. Zufall ignorieren.

Denkfehler #13: Der "Verzerrung blinde Fleck" (Bias Blind Spot)

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Ich habe dir bis hierhin 12 kognitive Verzerrungen aus der Börsenpsychologie gezeigt, die unsere Entscheidungsqualität und -rationalität in Frage stellen.

Vielleicht denkst du nun:

"Okay, das ist echt interessant. Zum Glück passiert mir sowas nicht!"

... dann ist dieser letzte Denkfehler genau der richtige für dich.

Der "Bias blind spot" bezeichnet die Tendenz, nach der wir uns selbst für unbeeinflusst halten, während die Beeinflussen in erster Linie andere betreffen.

Eine Studie verdeutlicht diese Verzerrung:

„In einer Stichprobe von mehr als 600 Einwohnern der Vereinigten Staaten glaubten mehr als 85 %, dass sie weniger voreingenommen sind als der durchschnittliche US-Amerikaner. Nur ein Teilnehmer glaubte, mehr voreingenommen zu sein als der Durchschnitt.“

Quelle: Wikipedia-Artikel über "Bias blind spot"

Bevor du also diesen Artikel zur Anlegerpsychologie beendest, schaue dir noch einmal die kognitiven Verzerrungen an und lasse nicht deinen "Bias blind spot" gewinnen. 😉

An der Börse führt dieser Fehler dazu, dass...

... du diesen Artikel gelesen, verstanden und für interessant befunden hast, dich aber für unbeeinflusst hältst und unbeirrt Fehler machst, die auf diesen Verzerrungen beruhen.

Eine Anlagestrategie, die die Auswirkungen der Anlegerpsychologie so weit wie möglich reduziert, ist eine Buy-and-Hold-Strategie gepaart mit ETFs. Hier erfährst du mehr über erfolgreiches Investieren in ETFs, hier mehr über die Buy-and-Hold-Strategie und die Vorteile passiven Investierens.

Wenn du mehr über das rationale Investieren erfahren, exklusive Tipps per Mail und gratis die ETF-Formel mit den 7 wichtigsten Schritten zum erfolgreichen ETF-Anleger herunterladen möchtest kannst du hier gratis und unkompliziert deine E-Mail eintragen.

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