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4 Kritikpunkte an Gerd Kommers „Souverän Investieren mit Indexfonds und ETFs“

zuletzt aktualisiert: 20. Juni 2020

von Jannes Lorenzen
Privatanleger und Gründer

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Es gibt wenige Finanzbücher, die ich so bedenkenlos weiterempfehlen kann wie „Souverän Investieren mit Indexfonds und ETFs“ von Gerd Kommer.

Darin bekommen Anleger einen unaufgeregten und faktenorientierten Einblick in die Finanzwelt. Mythen werden enthüllt, Fehler aufgezeigt und der Weg zu einer besseren Geldanlage in ETFs dargestellt.

Auch Gerd Kommer selbst ist in seinem Auftreten angenehm wissenschafts- und faktenbasiert und hält sich von marktschreierischen Aussagen, Prognosen und Versprechen fern – anders, als viele medial präsentere Börsengurus.

Aber: An einigen Punkten stoße ich mich. Konkret habe ich 4 Kritikpunkte an Aussagen, die ich falsch dargestellt sehe und ein etwas zu einseitiges Bild vermitteln.

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Diese ändern nichts daran, dass Gerd Kommers vorgestellte Strategie funktioniert. Es ist Kritik auf sehr hohem Niveau. Auch ich selbst investiere nicht ohne Grund einen Großteil meines Geldes in ETFs. Sie zeigen aber, dass die Welt bei passiven und aktiven Anlagestrategien bzw. ETFs und einzelnen Aktien nicht so schwarz und weiß ist, wie Gerd Kommer sie in seinem Buch zeichnet, und dass einige entscheidende Aspekte fehlen.

Souverän Investieren: Die Thesen und ihre Reichweite

Kernthesen und Relevanz

Was sind einige der Kernaussagen aus dem Buch (4. Auflage)?

  1. Aktien sind die rentabelste aller Anlageklassen.
  2. Finanzmedien, Banken und Börsengurus leben oft von wenig fundierten Versprechen und Prognosen, die Anlegern schaden.
  3. Passives Buy and Hold Investieren schlägt aktives Investieren (was aus (a) Market Timing und/oder (b) Einzeltitelauswahl bestehen kann).
  4. Einzelaktienauswahl und aktive Anlagestrategien funktionieren nicht dauerhaft bzw. beruhen (wahrscheinlich) nur auf Glück.
  5. Eine passive Geldanlage in Indexfonds ist für fast alle Privatanleger die sinnvollste aller Anlagestrategien.
  6. Geld sollte breit diversifiziert über alle Regionen hinweg investiert werden.
  7. Die Kapitalmärkte sind weitestgehend effizient: „Kapitalmärkte sind soweit informationseffizient, dass nach Risiko, Kosten und Steuern systematische Outperformance für Privatanleger vermutlich nur zufällig zustande kommt.“ (S. 208)

Außerdem wurde die Value- und die Size-Prämie genannt, um die Rendite eines Portfolios zu steigern. Andere Faktorprämien wurden erwähnt, aber nicht empfohlen. U.a. zum Momentum-Faktor hieß es:

Der Momentum-Faktor ist seit vielen Jahren nachgewiesen und, zumindest historisch, zweifellos sehr stark, sogar stärker als z.B. der Size- oder der Value-Faktor. Ob er systematisch bei Berücksichtigung von Kosten, Steuern und Risiko ausgenutzt werden kann, wird vielfach bezweifelt. (S. 249)

Eine gewisse Zäsur hat die 5. Auflage dargestellt, die 2018 veröffentlicht wurde: Darin wurden weitere Faktoren, u.a. auch der Momentum-Faktor, überraschenderweise ins Kommer Weltportfolio mit aufgenommen.

Mich hat schon vorher gewundert, dass kaum jemand über andere Faktoren spricht. Ich selbst habe 6 Faktoren, die mittlerweile auch Gerd Kommer nennt, schon Ende 2016 in der Academy vorgestellt und die Vorteile und Möglichkeiten beim Investieren in solche Smart Beta ETFs – trotz Gegenwind der Anhänger des bis dahin geltenden Kommer-Weltportfolios – aufgezeigt, diskutiert und hinterfragt.

Gerd Kommers Buch scheint aber die Blaupause für viele ETF-Experten darzustellen. Vor der 5. Auflage wurde gemeinhin überall 1:1 das Kommer Weltportfolio ohne diese Faktorprämien vorgeschlagen. Sobald Gerd Kommer dies geändert hat, haben sich auch die Tipps der ETF-Jünger vielfach angepasst.

Ich finde diese Anpassung gut und notwendig. Es zeigt aber auch, wie stark der Einfluss von Gerd Kommer in der deutschsprachigen ETF-Welt ist und dass viele Ansichten von ihm kaum hinterfragt weitergetragen werden.

Darin sehe ich keine großen Probleme, da ich – wie bereits erwähnt – Gerd Kommer als einen der besten Anlageexperten Deutschlands sehe und die Ausführungen gerade für Anfänger hervorragend sind. Aber für Anleger, die etwas tiefer gehen wollen, sehe ich einige Punkte, die kritisch hinterfragt werden können.

Meine 4 Kritikpunkte an Gerd Kommers „Souverän Investieren mit Indexfonds und ETFs“

4 Kritikpunkte

Die Kritikpunkte sind nichts, was die Anlagestrategie von Gerd Kommer für ungültig erklärt. Sie sind aber Punkte, die nach meinem Empfinden an einigen Stellen verkürzt oder zu einseitig dargestellt werden.

Diese Kritikpunkte sind also Ergänzungen, die zu einem differenzierteren Verständnis beitragen sollen, wie eine erfolgreiche Anlagestrategie für dich aussehen kann.

Sie beziehen sich vor allem auf das 2. Kapitel im Buch, in dem Gerd Kommer 18 Fehler von Anlegern thematisiert. Dabei werde ich einige Passagen exemplarisch zitieren. Diese dienen in erster Linie zur Verdeutlichung der Kritik, ich möchte nicht jede einzelne Aussage auf die Goldwaage legen.

Kritik #1: Überzogene Verteufelung aktiven Investierens

Als Fehler #4 wird „Aktive Anlagestrategien praktizieren“ aufgeführt.

Klingt erstmal gut. Auch ich habe bereits gezeigt, warum passivere Anlagestrategien viele Vorteile gegenüber aktiveren Anlagestrategien haben. Allerdings gibt es darin einige Punkte, die ich zu einseitig finde und wo ich denke, dass mit zweierlei Maß gemessen wird.

Die Annahmen bei der Einzelaktienauswahl

Auf Seite 125 kritisiert Kommer die Theorie hinter der Einzelaktienauswahl:

Die Theorie setzt also mehrerlei zwingend voraus: (1) Unser Stock Picker ist zunächst der Einzige oder einer von wenigen, die die Unterbewertung des Wertpapiers erkennen – daher kann er rechtzeitig kaufen; (2) nach dem Kauf erkennt der restliche Markt die Unterbewertung, kauft auch und treibt damit den Preis auf seinen sogenannten fairen (also »richtigen«) Level; (3) jetzt erkennt der Stock Picker wieder als Erster oder als einer der Ersten, dass der Preis diesen fairen Level erreicht hat, mit weiterer Aufwertung nicht mehr zu rechnen ist und das Papier somit verkauft werden muss. Wer das heutige Börsengeschehen aus eigener Anschauung kennt, muss sich wundern, wie es möglich ist, dass irgendjemand eine Anlagestrategie auf derart unrealistischen Annahmen aufbaut.

Die Annahmen stimmen prinzipiell. Sie werden hier aber so dargestellt, als müssten sie linear aufeinander folgen und als „derart unrealistisch“ erklärt.

Die Realität ist aber: Hinter Annahme 1 und Annahme 3 steckt nur ein Kriterium. Es bedarf der Fähigkeit, Unterbewertungen und Überbewertungen zu erkennen. Es ist eine Fähigkeit, die – sofern sie gegeben ist – beide Annahmen erfüllt.

Annahme 2 muss nicht sofort nach dem Kauf folgen, das wäre selbstverständlich unrealistisch. Es kann sein, dass eine Aktie kurzfristig vom fundamentalen Wert abweicht. Ein Anleger braucht Geduld. Die Annahme, dass der Preis langfristig aber dem fundamentalen Wert folgt, ist aber eine, die fast jeder Anleger – auch Gerd Kommer – mit hoher Wahrscheinlichkeit unterschreiben würde.

Also: Hinter diesen 3 „derart unrealistischen“ Annahmen steckt eigentlich nur die Frage, ob es die Fähigkeit gibt, Unter- und Überbewertungen bei Aktien zu erkennen. Dieser Prozess, wie Kommer ihn darstellt, muss weder linear noch kurzfristig eintreffen, um zu funktionieren.

Gerd Kommer glaubt nicht, dass es diese Fähigkeit gibt. Darauf gehe ich gleich in Kritikpunkt #4 noch genauer ein.

Und: Natürlich wäre es schwer bis unmöglich, dass dieser Prozess immer so klappt. Es ist aber keine Voraussetzung, die bei jedem einzelnen Aktienkauf gilt. Es kommt auf den Durchschnitt aller Investitionen an. Bei 10 Käufen können auch 6 erfolgreiche Käufe reichen, um überdurchschnittlich abzuschneiden.

Warren Buffett: Nur ein Glücksfall?

Kommer führt aus, dass nur Value-Strategien einen Erfolgsnachweis gebracht haben und führt dann aus: (S. 132)

Bei genauerer Betrachtung verflüchtigt sich jedoch auch dieser Scheinerfolg, denn die Outperformance vieler Value-Anleger geht letztlich auf das gegenüber dem Gesamtmarkt höhere Risiko der Value-Aktien zurück. Zudem verschwindet die Outperformance der meisten Value-Anleger ebenfalls, wenn man sie – statt an einem allgemeinen Marktindex – an einem Value-Index misst und dabei Kosten und Risiko berücksichtigt. Das gilt möglicherweise sogar für den großen Warren Buffett (Frazzini u.a. 2013).

Die Fakten stimmen. Es ist aber sehr einfach, im Nachhinein zu sagen, dass bspw. Warren Buffett (exemplarisch auch für andere erfolgreiche Investoren) gegenüber dem richtigen Vergleichsindex gar nicht so überragend war.

Die Kunst ist es dann immer noch von vornherein – basierend auf der eigenen Analyse – eine Strategie zu verfolgen, die später Erfolg hat. Niemand hat Warren Buffett gezwungen, eine Value-Strategie umzusetzen. Er konnte frei aus allen Aktien wählen, nicht nur aus Value-Aktien. Im Rückblick wissen wir, was funktioniert hat und da ist es einfach, einen Index nachzubauen und seine Fähigkeit damit kleinzureden.

Anomalien verschwinden nach Bekanntwerden

Auf Seite 134 führt Kommer aus, dass es Strategien geben kann, die vorübergehend eine Überrendite erreichen. Dann schreibt er:

Sobald diese Strategien aber bekannt wurden, verpuffte ihre Wirksamkeit. Verständlich, denn solche Strategien beruhen auf »Marktanomalien«. Wenn nun jemand sozusagen mit dem Finger auf diese Anomalien deutet, indem er sie laufend mit Gewinn ausbeutet, wird die ganze Anlegergemeinschaft darauf aufmerksam und alle versuchen, sich an diesen Erfolg anzuhängen. Damit treibt die Masse der Anleger den Preis für diese Investmentchance nach oben und die Strategie verliert ihre Wirkung. Dieses »Wegarbitrieren«, man könnte auch sagen: Selbstzerstören von Gelegenheiten zur Erzielung von Outperformance, ist ein Hauptmerkmal effizienter Märkte, zu denen die Wertpapiermärkte zweifellos gehören.

Dieses Phänomen gibt es. Strategien behalten aber in der Theorie dann ihre Wirksamkeit, wenn diese (a) systematisch höhere Risiken auf sich nehmen, die eine höhere Rendite erwarten lassen oder es (b) irrationale Verhaltensweisen gibt, die der Markt nicht ausreichend korrigiert.

Letztendlich sind es genau die Gründe, warum Gerd Kommer auch Faktorstrategien, wie bspw. den Value-Faktor oder den Momentum-Faktor, empfiehlt. Aber: Warum werden diese dann nicht wegarbitriert?

Wenn es diese Faktorprämien in einem passiven Portfolio durch ETFs gibt, warum sollte es sie dann nicht geben, wenn man in Einzelaktien investiert, die letztendlich ja nur die Inhalte des ETFs darstellen?

Letztendlich ist das Investieren in Smart Beta ETFs, die diese Faktoren abbilden, ein aktives Anlageinstrument. Es findet eine Aktienauswahl statt. Wenn man an diese Produkte glaubt, darf man nicht an anderer Stelle die Einzelaktienauswahl nach gleichen Kriterien mit dem Hinweis „erfolgreiche Strategien werden wegarbitriert“ für ungültig erklären.

Kritik #2: Verkürzte Kritik an Einzelaktien-Investments

Fehler #15 lautet „In einzelne Aktien investieren“.

Home Bias bei Einzelaktieninvestments

Gerd Kommer schreibt (S. 186):

Kein deutscher Anleger (genau genommen überhaupt niemand) ist auch nur annähernd in der Lage, die etwa 40 000 Einzelaktientitel in den über 50 größeren nationalen Aktienmärkten der Welt zu überblicken. Die meisten Einzelanleger investieren deshalb lediglich in eine kleine Gruppe (zumeist sehr großer) nationaler Unternehmen aus ihrem Heimatland oder der Heimatregion. In der Forschung heißt das neudeutsch »Home Bias«. Diese irrationale Beschränkung auf deutsche oder europäische Aktien ist aber ein willkürlicher Verzicht auf eine mögliche Risikosenkung und z.T. auch auf Ertragspotenzial.

Der Home Bias ist ein Problem, den ich auch hier thematisiert habe. Es ist definitiv ein unnötiges Risiko, das viele Anleger eingehen.

Aber: Es ist kein Argument, dass die These stützt, dass man nicht in Einzelaktien investieren sollte. Auch als ETF-Anleger kann man dem Home Bias genau so erliegen und bspw. einen ETF auf den DAX kaufen (wer würde sowas nur tun…). Ich erlebe es in der Praxis oft in den Depotchecks im Rahmen meiner Academy.

Und: Mit minimalem Hintergrundwissen lässt sich dieser Fehler eliminieren – für den Einzelaktien-Anleger genau so wie für den ETF-Anleger.

Kosten bei Einzelaktienanlegern

Auf der nächsten Seite, S. 187, führt Kommer bezüglich der Kosten aus:

Mit Einzelanlagen schnellt die Gesamtkostenquote typischerweise auf 2,0% p.a. hoch und die Mehrzahl der Einzelwertanleger dürfte Kosten von 3,0% p.a. und mehr produzieren, ohne die genaue Belastung jeweils wirklich zu kennen.

Methodisch sehe ich hier einen großen Fehler bzw. einen Apfel-Birnen-Vergleich: Kommer vergleicht die Kosten von Einzelaktienanlegern in der Praxis mit ETF-Anlegern in der Theorie.

Die Kosten, die er hier nennt, sind nicht die Kosten des Anlageinstruments (ETF oder einzelne Aktien), sondern die Kosten der Strategie (langfristiges Investieren oder kurzfristiges Trading). Er lastet es trotzdem einzelnen Aktien an.

Vergleichen wir zwei Anleger, die einfach nur kaufen und halten, hat der Einzelaktionär Kosten von 0% p.a. und der ETF-Anleger Kosten von 0,2 – 0,5 % pro Jahr. Darüber hinausgehende Transaktionskosten können beide Anleger erzeugen.

Denn wenn er die ETF-Kosten nennt, argumentiert er nirgends damit, welche Kosten diese Anleger in der Praxis erzeugen. Auch ETF-Anleger können ETFs kaufen und aerkaufen und dadurch ihre Kostenquote erhöhen, wie es Einzelaktienkäufer tun.

Natürlich neigt ein Einzelaktienkäufer dazu häufiger zu handeln. Aber: Broker wie Trade Republic bieten heute Aktienkäufe für 1€ an. Rechnen wir es durch: Wenn du bei einem 10.000€-Depot je 2x im Monat handelst, was oft völlig ausreichend ist, erzeugst du Kosten von 24€ im Jahr. Das sind 0,24% p.a., womit du letztendlich etwa in der unteren ETF-Spanne landest.

Äpfel-Birnen-Vergleich bei Renditen

Das ist ein Vergleich der theoretischen Renditen. Darin schneiden Aktien kostenseitig nicht schlechter ab als ETFs.

Ein Vergleich der in der Praxis erzielten Renditen ist schwierig, da die Datenlage dünner ist und wir immer vom Durchschnitt ausgehen. Mit etwas Fachwissen, dass ich dem typischen Leser dieses Beitrags unterstelle, kann man Fehler wie den Home Bias und auch zu häufiges Handeln vermeiden.

Wir könnten aber auf eine Studie schauen, die die Renditen von ETF-Anlegern in der Praxis betrachtet hat: „Abusing ETFs“. Darin wird festgestellt, dass Anleger ihre Rendite durch ETFs in der Praxis nicht verbessert haben:

Using data from a large German brokerage, we find that individuals investing in passive exchange-traded funds (ETFs) do not improve their portfolio performance, even before transaction costs. Further analysis suggests that this is because of poor ETF timing as well as poor ETF selection (relative to the choice of low-cost, well-diversified ETFs).

Ich bin mir sicher, dass Kommer die durchschnittlich schlechte Performance von ETF-Anlegern nicht per se als Argument gegen ETFs durchgehen lassen würde. Zu Recht. Genauso wenig darf der oft falsche Umgang dann aber ein Argument gegen einzelne Aktien sein.

Steuereinfachheit bei ETFs

Außerdem schreibt Kommer anschließend zur Einfachheit:

Anlagen in (Index-)Investmentfonds und ETFs machen weniger Arbeit bei Kauf, Depotverwaltung, Verkauf und Steuererklärung.

Ja, ETFs sind bei der Depotverwaltung ingesamt definitiv einfacher. Bei Käufen und Verkäufen sehe ich keine großen Unterschiede.

Ich weiß allerdings nicht, wo Gerd Kommer die steuerliche Einfachheit bei ETFs gegenüber Aktien sieht: Das Investmentsteuergesetz von 2018 mit der komplexen Berechnung der Vorabpauschale, die auch ohne Verkauf Besteuerungen erfordert, oder die davor existierende Steuerhässlichkeit von physisch replizierenden und thesaurierenden ETFs mit Sitz im Ausland vermitteln mir eher ein gegenteiliges Bild.

Kritik #3: Ausblenden der weichen Anlagefaktoren

Bei all der Kritik am Investieren in einzelne Aktien – teilweise zu Recht, teilweise überzogen – wird leider nie die Seite eingenommen, die auch die Vorteile von einzelnen Aktien darstellt.

Wie erwähnt, könnte ein langfristig orientierter Buy-and-Hold-Anleger sogar auch mit Kostenvorteilen oder der Steuereinfachheit argumentieren, auch wenn Gerd Kommer ETFs hier prinzipiell im Vorteil sieht.

Gerd Kommer sieht nur einen Grund, warum man in einzelne Aktien investieren sollte (S. 185, Hervorhebung von mir):

Im Grunde gibt es nur ein einziges und zudem schwaches Argument, das für Einzelinvestments bei Privatanlegern spricht, nämlich dass sie manchen Anlegern Spaß machen.

Ich sehe es anders: Ja, Spaß ist notwendig, wenn man in einzelne Aktien investieren möchte. Wer daran keinen Spaß hat, sollte bei ETFs bleiben.

Wenn das allerdings gegeben ist, gibt es aber andere Argumente für das Investieren in einzelne Aktien, die Gerd Kommer nicht nennt. Es sind wesentliche Kriterien, die es sinnvoll – oder zumindest nicht verwerflich – machen, einzelne Aktien ins Depot aufzunehmen. Zusätzlich zu ETFs.

Vorteile vom Investieren in einzelne Aktien

Gerd Kommer nutzt eine finanzwissenschaftlich optimierte Anlagestrategie, basierend auf den Faktoren Rendite und Risiko (gemessen an der Volatilität). Er setzt dabei also voraus, dass Anleger finanzwissenschaftlich optimiert handeln sollten. Das halte ich ebenfalls für das wichtigste Ziel und deshalb analysiere ich auch immer wieder entsprechende Studien.

Ich glaube, dass das in der Praxis für viele Anleger zu kurz greift, weshalb einige mögliche Vorteile für einzelne Aktien unter den Tisch fallen.

Dies sind keine Punkte, die für jeden gelten. Und es sind Punkte, die schwer wissenschaftlich nachweisbar sind, die ich aber bei mir selbst und bei vielen Anlegern beobachte, mit denen ich tagtäglich in Kontakt stehe.

#1 – Motivation

Für viele Anleger ist es motivierender, Geld zu sparen um sich davon direkt an einem Unternehmen zu beteiligen, als es in ein anonymes ETF-Konstrukt zu stecken. Sparen fällt also leichter - die Sparquote steigt - wenn am Ende etwas mit dem Geld gemacht wird, was Spaß macht.

Anders gesagt: Viele Anleger beteiligen sich lieber an den Unternehmen, die ihren Alltag positiv prägen – durch Aktien von Apple, Microsoft, Spotify, Coca Cola und Co. – als durch den thesaurierenden Lyxor-ETF mit einer TER von 0,32 % p.a.

Das Ziel der Geldanlage ist Vermögensaufbau. Zum Vermögensaufbau gehört neben der Geldanlage auch die Motivation, Geld zu verdienen und es für das Investieren zu sparen. Diese Motivation kann unabhängig vom Anlageinstrument aufgebracht werden, ist für einige Anleger aber bei einzelnen Aktien - nach meiner subjektiven Wahrnehmung - deutlich größer.

Das alles muss selbstverständlich in einem sinnvollen Rahmen stattfinden. Aber wenn dieser gegeben ist, was auch bei einzelnen Aktien durchaus möglich ist, macht es wenig Sinn, diesen Anlegern ihren Spaß auszutreiben und damit womöglich die Motivation, die Sparquote und damit den Vermögensaufbau zu bremsen.

#2 – Vertrauen & subjektives Risiko

Die Anonymität, die ein ETF im Vergleich zu einzelnen Aktien ausstrahlt, kann nicht nur die Motivation beeinflussen, sondern auch das Vertrauen in das gewählte Anlageinstrument.

Ich persönlich fühle mich völlig wohl damit in ETFs zu investieren und diese langfristig zu halten. Wir wissen aber, dass diese Disziplin des langfristigen Haltens und des Verzichtens aufs Market Timing eine der größten Herausforderungen für Anleger darstellt.

Natürlich stecken in einem ETF nur Unternehmensanteile. Für viele wirkt es aber, trotz der Beschäftigung damit, immer noch recht anonym. Einzelaktienanleger, die sich Geschäftsberichte durchgelesen haben und sich mit den Risiken und Chancen eines Unternehmens auseinandersetzen, wissen viel genauer, in was sie eigentlich investiert haben.

Das steigert Vertrauen. Es ist einfacher, auch in unruhigen Zeiten an einem Investment festzuhalten, das selbst geprüft und verstanden wurde.

#3 – Rendite ist nicht alles

Viele Anleger sehen ihre Geldanlage nicht nur als finanzwissenschaftlich-optimierte Vermögensverwaltung. Genauso wenig, wie sie ihren Arbeitsplatz nur nach dem Gehalt und dem Zeitaufwand auswählen, sondern bei vielen auch dort andere Aspekte eine Rolle spielen: Macht es mir Spaß? Trage ich zu etwas Gutem bei? Lerne ich etwas dazu?

Bei der Geldanlage gibt es Kriterien, die oft sehr individuell sind und dadurch bei einzelnen Aktien deutlich einfacher und zielgenauer umgesetzt werden können als bei den Lösungen der ETF-Welt:

  • Nachhaltigkeit
  • Soziale Verantwortlichkeit
  • Moralische Fragen

#4 – Gezielte Konzentration und Unter-Diversifikation

Gerd Kommer nennt einige bereits erwähnte Faktorprämien, die Anleger durch ETFs ausnutzen können. ETFs sorgen dabei immer für eine breite Diversifikation.

Wenn wir an die Faktorprämien glauben, sollten wir uns zwei Punkte vor Augen hälten: Je strenger wir Aktien nach diesen Kriterien auswählen, desto stärker sollte der Effekt der Faktorprämie sein. Wir brauchen aber ein gewisses Minimum an Aktien, um den Effekt zu merken, da Einzelaktienrisiken weitestgehend eliminiert sein müssen.

Sprich: Wenn 1.600 Aktien im MSCI World Universum existieren, sollten wir weder 1.000 Aktien in unseren Value-Index aufnehmen, noch nur 1 Aktie.

Werfen wir einen Blick in die Praxis: Der MSCI World umfasst aktuell 1.637 Aktien. Der MSCI World Value umfasst 937 Aktien. Der noch strengere MSCI World Enhanced Value umfasst 395 Aktien.

Aus Diversifikationssicht sind alle sehr gute Lösungen. Wer Prämien noch stärker abgreifen möchte, könnte hier aber tatsächlich weniger Diversifikation wünschen, um stärkere Prämien – ggf. auch bei höherem Risiko – erzielen zu können.

(Nun kann man noch darüber streiten, was eine sinnvolle Mindestdiversifikation ist. Das würde hier zu weit führen. Nur so viel: Um weltweit diversifiziert zu investieren wirst du an ETFs nicht vorbei kommen. Es gibt aber einige Strategien, die auch mit 10 – 20 Aktien einzelne Märkte (bspw. die USA) mit einem guten Rendite-Risiko-Profil abbilden. Letztendlich kannst du auch mit wenigen Aktien und konzentriertem Anlegen breit diversifiiziert sein, wenn du sie mit ETFs kombinierst.)

#5 – Humankapital

Der größte Vermögenswert der meisten Menschen ist nicht das Depot oder das Eigenheim, sondern das Humankapital. Das Geld, das im Laufe des Lebens verdient wird.

Vereinfacht gesagt: Wer noch 30 Jahre arbeitet und ein Einkommen von 45.000€ jährlich erzielt, hat ein Humankapital von 1,35 Mio. Euro. Eine dauerhafte Steigerung (bspw. Gehaltserhöhung) des Einkommens um 10% würde das Humankapital um 135.000 Euro erhöhen.

Beim Investieren in einzelne Aktien beschäftigst du dich mit Geschäftsmodellen, Wirtschaft, Unternehmen, Strategien, Chancen und Risiken. Du triffst Entscheidungen unter Unsicherheit, musst in einem emotionalen Umfeld rational bleiben und reflektieren.

Für viele Anleger ist das offensichtlich nicht geeignet. Wer das 5 Jahre macht und bspw. in einer strategischen, beratenden oder führenden Position arbeitet, wird dadurch sein Humankapital aber mehr erhöhen als der passive ETF-Anleger. Auch das ist im Zuge des ganzheitlichen Vermögensaufbaus ein Vorteil.

Kritik #4: Cherry Picking bei wissenschaftlichen Studien

Bei diesem Kritikpunkt geht es nicht darum, was Kommer schreibt, sondern darum, was er nicht schreibt.

Er argumentiert oft mit wissenschaftlichen Studien – zumindest dann, wenn es die eigene Position unterstützt. Es gibt allerdings auch Studien, die einige der eingangs gezeigten Kernthesen Kommers auf den Prüfstand stellen, die leider keine Erwähnung finden. Auch Ansichten eines Nobelpreisträgers lässt er unerwähnt, da sie seinen Thesen in Teilen widersprechen.

Dabei kritisiert er selbst aktive Anlagestrategien, dass keine „endgültigen, wissenschaftlich unstrittigen Beweise vorliegen“. Er schreibt konkret in „Fehler #4 – Aktive Anlagestrategien praktizieren“:

Schauen wir uns jetzt – dritter Punkt – die bekanntesten aktiven Anlagestrategien und ihre Konstruktionsmängel an. Das Wichtigste vorweg: Neben der Tatsache, dass für die Wirksamkeit dieser Strategien in praktisch keinem einzigen Fall endgültige, wissenschaftlich unstrittige Beweise vorliegen,…

Dabei gibt es zwei Überzeugungen, die ich nicht objektiv genug dargestellt sehe bzw. die genau so, dass „keine endgültige, wissenschaftlich unstrittige Beweise vorliegen“, kritisiert werden könnten: 1. Die Märkte sind effizient und 2. es gibt keine nachweisbaren Fähigkeiten bei der Einzelaktienauswahl. Ein paar Beispiele, die nicht erwähnt werden:

Sind die Märkte effizient?

Ich finde das Verstehen der Theorie effizienter Märkte enorm wichtig. Sie ist aber keine Hypothese, hinter der die gesamte Finanzwissenschaft vereint steht.

Das macht die aufgebaute Anlagestrategie nicht weniger effektiv. Es zeigt aber, dass das theoretische Fundament nicht so eindeutig ist, wie dargestellt.

Gibt es Fähigkeiten bei der Aktienauswahl?

Mehrfach betont Kommer seine Überzeugung, dass erfolgreiche Aktienauswahl nur auf Glück basiert und der einzige Grund, sich darin zu versuchen, Spaß sei. ETFs seien die einzig sinnvolle Alternative. Einige andere Erkenntnisse:

  • „Abusing ETFs“ (2016) von Bhattacharya, Loos, Meyer und Hackethal (oben bereits diskutiert)
  • Es wird gezeigt, dass Aktien, von denen Fondsmanager am stärksten überzeugt sind, die beste Performance liefern. Sie gehen nicht von effizienter Informationseinpreisung ein und empfehlen das Halten konzentrierterer Portfolios. Quelle: „Best Ideas“ (2010) von Cohen, Polk und Silli
  • Die Autoren untersuchen, ob Anleger in der Praxis außerordentliche Fähigkeiten beim Erzielen überdurchschnittlicher Renditen gezeigt haben. Sie halten fest: „Our results suggest that skillful individual investors exploit market inefficiencies to earn abnormal profits, above and beyond any profits available from well-known strategies based upon size, value, or momentum.“ Anders gesagt: Es scheint Fähigkeiten zu geben, die über die bekannten Faktorprämien hinaus gehen. Quelle: „Can Individual Investors Beat the Market?“ (2005) von Coval, Hirshleifer und Shumway
  • Analysten, die am besten abgeschnitten haben, neigen dazu auch danach am erfolgreichsten zu sein. Quelle: „Do security analysts exhibit persistent differences in stock picking ability?“ (2004) von Mikhail, Walther und Willis
  • … und zahlreiche andere Studien, die erfolgreiche Strategien zur Einzelaktienauswahl nachweisen – mit unterschiedlicher Nachhaltigkeit der Strategien.

Das hier soll weder ein abschließendes Fazit noch eine Empfehlung für einzelne Aktien und gegen ETFs darstellen. Selbst wenn einige Anleger es schaffen sollten, überdurchschnittlich gut abzuschneiden, heißt es schließlich längst nicht, dass jeder das schafft. Es soll nur verdeutlichen, dass es noch eine andere Sichtweise gibt.

Fazit: Ergänzungen zu einem großartigen Buch für rationale ETF-Anleger

Fazit

Gerd Kommer zeichnet – sympathisch, nüchtern und fundiert – ein schwarz-weißes Bild der Geldanlage. Die klugen Anleger legen passiv in ETFs an, die uninformierten Anleger aktiv in einzelne Aktien.

Dabei sind passive und aktive Methoden nicht so einfach zu trennen, wie es im Buch oft den Anschein macht. Und auch die Gegenseite, die Evidenz für (etwas) aktives Investieren oder auch für Einzelaktienauswahl existiert, bekommt nicht die Aufmerksamkeit, die der Gegenposition gewidmet wird.

Solche Verkürzungen sind okay, solange die Anlagestrategie dahinter funktioniert – und das tut sie. Gerade für Anfänger könnte eine differenziertere „einerseits… andererseits“ Argumentation auch überfordernd und lähmend wirken. Und, nicht zuletzt, könnte ein noch größerer Umfang potentielle Leser auch abschrecken. Anleger, die in ETFs investieren und möglichst wenig damit zu tun haben möchten, werden kaum ein besseres Buch finden.

Für jeden, der aber darüber hinaus gehen will, mehr Verständnis und womöglich auch einzelne Aktien in das eigene Depot aufnehmen möchte, gibt es hier aber einige ergänzende und einordnenden Punkte, die aus meiner Sicht fehlen.

Ich glaube auch, dass ETFs und eine Buy-and-hold-Geldanlage für den Großteil der Anleger die bessere Wahl ist. Ich halte aber ergänzendes Investieren in einzelne Aktien für völlig legitim: Zum einen deshalb, weil ich viele genannte Fehler übertrieben und zu einseitig dargestellt finde, und zum anderen aus den genannten Gründen und Vorteilen von einzelnen Aktien.

Nichtsdestotrotz bleibe ich dabei: Meine Meinung überschneidet sich zu über 90% mit der von Gerd Kommer, meine Anlagestrategie zu 70%. Für jeden, der das Buch noch nicht gelesen hat, gilt eine klare Leseempfehlung, genau so wie für seinen Blog.

Wie ist deine Meinung zum Buch von Gerd Kommer? Und wie siehst du die hier geäußerten Kritikpunkte? Lass es mich gern in den Kommentaren wissen!

Jannes Lorenzen


Hey, ich bin Jannes. Langfristig denkender Privatanleger und Rebell gegen fehlende Finanzbildung, schlechte Anlageentscheidungen und das Spiel der Finanzindustrie. Hier zeige ich dir, wie du dein Geld eigenständig (ohne Banken und Berater) clever und entspannt anlegst - anschaulich, wissenschaftlich fundiert und faktenorientiert. Herzlich Willkommen!

Jannes Lorenzen

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20 − 3 =

  1. Bezüglich Einzelaktien vs ETF verstehe ich an den Argumentationen eine grundsätzliche Sache nicht:
    Wenn man mit Einzelaktien auf lange Sicht nicht besser als ein ETF performen kann, kann man auch nicht schlechter als ein ETF performen. Entweder, oder. In beide Richtungen das Negative rauspicken geht nicht.

    Und das wiederum führt zu dem Schluss, dass man statt eines ETFs sich einfach zufällige Aktien raussuchen kann.

    Der einzige Haken ist die Varianz. Ein ETF wird auf lange Sicht ziemlich stabil sein Geld einbringen, während Einzelaktien auch massiv ins Minus laufen könnten.
    Das wiederum lässt sich aber durch Streuung vermeiden.

    Sprich worauf ich hinauswill:
    Ob man einen ETF auf den Dax kauft, oder sich stattdessen 20 Einzelaktien aus dem Dax kauft und diese anders als ein ETF gewichtet, wird genau den gleichen theoretischen Profit bei etwa gleicher Varianz erbringen.
    Und das bei etwas niedrigeren Kosten!

    1. Ja, guter Punkt. Nur zwei Gedanken dazu: (1) Im DAX trifft das zu, es wird nur schwierig, die Varianz bei einer weltweit angelegten Aktienstrategie mit Einzelaktien so zu senken wie mit ETFs. Sie lässt sich aber auch mit Einzelaktien und einer guten Diversifikation – und bei einer Kombination von ETFs und Einzelaktien sowieso – sehr gut reduzieren. (2) Darüber hinaus müssen ETFs und einzelne Aktien im Durchschnitt vor Kosten die gleiche Rendite liefern, nach Kosten kann das dann aber ganz anders aussehen. Als komplett passiver ETF-Anleger wird man ziemlich sicher eine überdurchschnittliche Rendite nach Kosten erreichen, da die meisten Einzelaktienanleger höhere Kosten erzeugen. Das sind aber eben nur Durchschnittsdaten und sollten, wie im Beitrag aufgezeigt, keine Allgemeingültigkeit für alle Anleger besitzen, da auch Einzelaktienanleger sehr kostengünstig anlegen können. Danke für deine Meinung dazu!

  2. Kommer wird vielfach als „ETF-Papst“ bezeichnet, in dem Zusammenhang tauchen dann im Umfeld auch häufig Begriffe wie „Apologet“ oder „Jünger“ und „Anhänger“ auf. Wenn wir also schon religiöse Begriffe sehen, ist der Weg zum „Dogma“ nicht weit, insofern wundert es nicht dass er vielfach unwidersprochen ist. Das liegt aber auch daran dass er sehr eingängig schreibt und man aus dem Buch einiges Lehrreiches rausziehen kann. Keine Frage.

    Mir ist allerdings die Schwarz-Weiß-Malerei in dem Buch auch negativ aufgestoßen, weil es darauf hinausläuft als gäbe es außer ETFs überhaupt nichts Sinnvolles, was man mit seinem Geld anfangen kann. Und das greift einfach zu kurz. Dennoch enthält das Buch sehr viel Informationen auch zu Anlageklassen bei denen ich zuvor über gar keine Kenntnisse verfügte. Für mich war das Buch also dennoch ein sehr wertvoller Einstieg (weiß gerade nicht welche Auflage es war) und ich empfehle es daher auch nach wie vor gerne weiter.
    Wenn man also als Privatanleger nur ein Buch lesen will, dann wäre dieses trotz den Mängeln keine schlechte Wahl.

  3. Moin Jannes,

    danke fuer die insgesamt ausgewogene Reflektion!
    95% einverstanden, bei nur 5% hake ich hier ein:

    ETF-Kosten (TER ist Nebelkerze), Tracking Differenz:
    – fuer Wald und Wiesen-ETFs betraegt die TD mittlerweile/tendentiell 0,1%-Null p.a. manchmal sogar negativ (durch Wertpapierleihe, etc)
    Das ist fuer Faktor-ETFs und Exoten natuerlich anders, aber braucht man die?

    Aktien-Kosten:
    – je exotischer die Aktie, je teurer der Erwerb. Der Spread ist wohl fuer alle Aktien ausser der grossen Dickschiffe groesser als bei ETFs?!
    – Sparplaene gibt’s viele guenstige fuer ETFs; dagegen nur fuer wenige Aktien (dann aber bezahlt man wieder mit dem [hohen] Spread)

    Steuern:
    – Vorabpauschale: haengt am Basiszins. Jeder kann selbst einschaetzen, wie die Zins-Entwicklung die naechsten Jahre sogar Dekade sein koennte? (TINA?).
    Weist du, wie (laecherlich niedrig) hoch der Basiszins fuer 2020 ist? Kennst du ein Szenario, was zukuenftig wieder zu hoeheren (>1%) Zinsen fuehren koennte?
    – Teilfreistellung auf Kursgewinne bei ETFs (30% auf Besteuerungsgrundlage) gibt’s nicht bei Aktien nur fuer Aktien-ETFs. Und bei langfristigem Buy&Hold sind die Kursgewinne/thes.Div. doch die Hauptsache, oder?
    – Anleger koennen bei Aktien aus Laendern m. „unangenehmen“ Quellen-Steuern-Regelungen diese nur meiden oder auf eine pers. Q-Steuer-Anrechnung verzichten, v.a. wenn es kleine Positionen sind und der Aufwand nicht im Verhaeltnis zur steuerl. Anrechung steht?
    (wenn man nur US-Aktien hat, kein Problem, da spart man sogar Steuern auf Ausschuettungen gegenueber einem US-ETF)

    Motivation:
    Sehr gute Aufstellung. Es gibt viel zu lernen, einfach machen, was zu dir passt und ehrlich messen was es bringt, weil zu langes Festhalten an suboptimalen Strategien zu suboptimalen Ergebnissen (Altersvorsore) fuehren.

    Fazit:
    Fuer die breite Masse (80%?), die einfach nur mit der Altersvorsorge/Vermoegensbildung in Aktien gegen Inflation, Steuer, Kosten anzukaempfen versucht, sind ETFs aber besser geeignet, wie du auch schreibst. Danke.

    LG Joerg

    1. Hey Jörg, super Kommentar, danke dir! Da sind viele richtige Punkte dabei. Letztendlich ging es mir nicht darum, die Debatte „einzelne Aktien vs. ETFs“ vollumfänglich zu bewerten, sondern erstmal aufzeigen, dass einige Argumente fehlen. Natürlich ist das aber eng mit der Buchrezension verknüpft. Kurz zu den Steuerpunkten: Auch da wollte ich gar nicht werten, ob nun ETFs oder einzelne Aktien steuerlich besser sind – das ist auch gar nicht so einfach, da es von vielen individuellen Faktoren abhängt (Handelsfrequenz, Freibeträge, Depotvolumen, Basiszinsentwicklung,…). Mir ging es nur darum, dass ETFs in der Vergangenheit nicht unbedingt nur Vorteile bei der Einfachheit, sowohl im Verständnis als auch bei der Anwendung, gemacht haben. Die Punkte, die du anführst, sind aber völlig korrekt.

  4. Schade. Ich hatte tatsächlich etwas mehr Substanz erwartet. Geblieben ist vor allem das Gefühl, dass der Autor unbedingt mal eine kritische Rezension zu Kommer schreiben wollte und eben nur diese paar Punkte mit ziemlich wenig Substanz gefunden hat.

    1. Hey Pedro, trotzdem danke für deine Meinung. Mich würde interessieren, warum genau du dort „wenig Substanz“ siehst. Die Motivation kommt daher, dass (a) weite Teile der ETF-Landschaft die Ausführungen 1:1 übernehmen, was mMn. ein zu einseitiges Bild ergibt, (b) immer wieder alles, was Richtung aktives Handeln und einzelne Aktien geht mit dem Hinweis auf Kommer verteufelt wird und (c) bei der Auseinandersetzung mit anderen wissenschaftlichen Studien immer wieder Widersprüche zu den Thesen Kommers aufgetauchen. Daher die inhaltliche Auseinandersetzung. Ich sehe das Buch ja, wie mehrfach erwähnt, immer noch als eines der besten Bücher an, es geht mir also offensichtlich nicht darum, irgendeine Kritik zu konstruieren (wofür auch immer das gut sein sollte).

  5. Hallo Jannes,

    ich bin durch den Blog vom Finanzwesir auf deinen Beitrag zu Herrn Kommer aufmerksam geworden. Ich höre regelmäßig deinen Podcast und sehe regelmäßig auf YouTube Finanzfluss, Finanzwesir, Finanzrocker, Finanztip und Aktien mit Kopf und seit neuestem auch Investflow.

    Deine Kritikpunkte zu Herrn Kommer sehe ich ähnlich und bin sowohl zu 50% in ETFs investiert, als auch in zu 50% Einzelaktien. Ich halte den Vanguard FTSE All-World und den Vanguard S&P 500 und zudem 17 Einzelaktien (überwiegend gewichtet nach FAANGM und Technologie, zudem auch Versorger, Retail und Tourismus; nur 3 deutsche Aktien).

    Herr Kommer hat in den meisten Dingen Recht, wenn er meint Grundlage erfolgreichen Investierens ist passives Buy and Hold. Dieses geht allerdings auch mit ausgewählten Einzelaktien und nicht nur mit ETFs. Und ein Weltportfolio nach Kommer ist auch nicht gerade kostengünstig und deren Faktoren müssten inzwischen arbitriert sein.

    Und eines steht fest: Allein den Verlauf von bewusst mit Verstand und Herzblut gekauften Einzelaktien zu verfolgen und ggf. durch Nachkauf zu rebalancieren macht erheblich mehr Spaß, als ein auf 20 Jahre und mehr gepachtetes und gepflegtes „ETF-Grab“ passiv zu beobachten …

  6. In diesem Kommentar habe ich mich ein wenig selbst wiedergefunden. In meinen Augen ist es wichtig, etwas zu finden, dass zu einem passt. Ich will mich damit wohlfühlen. Begonnen habe ich auch mit einer reinen ETF-Strategie (Finanzwesir, Kommer…). Dazu kamen dann Belegschaftsaktien und 1-2 „probieren wir es mal aus“-Positionen.

    Mittlerweile bin ich bei der folgenden Strategie gelandet:
    1) 30% FTSE All World, um einen Teil des Kapitals möglichst breit anzulegen.
    2) 70% nach Branche & Region diversifizierte Einzelaktien, hauptsächlich Wachstumswerte. Im Wesentlichen eine langfristige Value Strategie, mit dem Ziel, die Aktien lange zu halten. Kurzfristige Marktschwankungen sitze ich aus.

    Einige Positionen sind natürlich im ETF gedoppelt, jedoch fange ich damit auch größere Schwankungen ab. Zudem spare ich mir damit auch das Ausdiversifizieren in die letzte Region. Unterm Strich weiß ich nicht, ob die Rendite am Ende den FTSE all World schlagen wird. Und vor allem, ob sich der Aufwand finanziell lohnt.

    Aber diese Variante gibt mir etwas, dass ein reines ETF-Portfolio nicht bieten kann. Spaß! Ich liebe es einfach, mich mit den Unternehmen zu beschäftigen, Aktien rauszusuchen, Geschäftsberichte zu lesen usw. Daher sehe ich das auch nicht als schwaches Argument an. Es ist schlichtweg ein Hobby und das sage ich nicht hinterher als Rechtfertigung, sondern vorab. Andere verrauchen im Monat 300€, ich investiere in Aktien 🙂 Das hat auch eine gewisse Sammelleidenschaft geweckt, so dass ich zum Teil mein Konsumbedürfnis über Aktien stillen kann. Und der Blick ins Depot erfreut mich mehr als der auf meinen FTSE all World. Sollte ich irgendwann mal keine Zeit oder keine Lust mehr haben, mich so intensiv damit zu befassen, schichte ich in den FTSE all World um und gut.

    Es ist schön zu lesen, dass auch andere die Sache nicht so schwarz-weiß sehen.

  7. Ich möchte noch anmerken, dass man als Aktionär natürlich auch die Hauptversammlung der jeweiligen AG besuchen kann, Stimm- und Fragerechte hat und natürlich auch beim Buffet zuschlagen kann 😀
    Das ist (wenn man sie wahrnimmt) besser, als wenn sich die Stimmrechte bei Blackrock konzentrieren.

  8. Hallo Jannes,
    wie immer ein wertvolles Artikel und für mich kommt es gerade rechtzeitig, weil ich das Buch gerade eben gelesen habe (5te Auflage). Zuerst dein Blog und Podcast und dannach auch Kommer’s Buch haben ich mich dazu ermutigt ein ETF Portfolio aufzustellen. Es ist erst 10 Tage alt 🙂

    Was das Buch angeht, ich kann dir generell zustimmen, dass das Investieren in einzelne Aktien oder überhaupt in etwas anderes als ein ETF darin etwas „verteufelt“ wird. Während das Investieren in einzelne Aktien für mich persönlich in diesem Moment etwas zu riskant scheint, es gibt ein Punkt im Buch, das ich bis heute nicht verstanden habe: warum laut Kommer soll man auch die risikofreie Teil des Portfolios in ETFs (Anleihen-ETFs) investieren? Zum einem, eine Anleihe die man nicht bis zum Ablauf hält, weist immer etwas Volatilität auf, was in meinen Augen der Idee „Risikofreiheit“ ein bisschen wiederspricht. Zum zweiten, die Rendite von kurzfristigen Anleihen höhster Bonität ist aktuell negativ, so dass ich kein Grund sehe, warum ich das Geld nicht lieber auf ein Festgeldkonto packen sollte.

    VG, Wioleta

    1. Hallo Wioleta, danke für deinen Kommentar und Glückwunsch zum eigenen Portfolio!

      Ja, „risikofrei“ ist hier in jedem Fall überzogen, da es eher ein „geringes Risiko“ ist. Der Begriff täuscht etwas.

      Deine Frage zu Anleihen ist sehr berechtigt. Viele Vermögensverwalter verzichten auch aus den von dir genannten Gründen auf Anleihen, ich verzichte ebenfalls auf jegliche Anleihen aus Industrienationen. Gerd Kommer schlägt da einen etwas anderen Weg ein. Die Argumentation beruht vor allem darauf, dass Anleihen auch trotz Negativrenditen noch im Crash an Wert gewinnen können (was die zukünftig erwarteten Renditen damit noch stärker ins Negative drückt) und damit einen Diversifikationseffekt im Crash liefern. Tatsächlich hat sich das im Corona-Crash auch tendenziell bestätigt, was man seiner Vorgehensweise da zugutehalten muss. Nichtsdestotrotz ist die Frage, ob dieser mögliche Diversifikationseffekt die jährlich negative Rendite aufwiegt. Außerdem schreibt er zum Investieren in Staatsanleihen hoher Bonität:

      „Dass kurzfristige Anleihen hoher Qualität derzeit Nullrenditen oder negative Renditen erzeugen, sollte niemanden von dieser Vorgehensweise abhalten. Schließlich geht es bei diesem Investment erstens primär um Sicherheit und nur sekundär um Rendite und zweitens, weil Realzinsen nahe null für die “risikofreie” Anlage in den letzten 120 Jahren überwiegend der Normalfall waren.“

      Ich kann der Argumentation nicht ganz folgen. Ich sehe da bei Anleihen aktuell wenig Chancen nach oben, aber das Risiko eines konstanten Verlusts (durch Negativzinsen) sowie möglicher Kursverluste, bspw. bei Zinserhöhungen oder zu stark steigender Staatsverschuldung. Allein, dass italienische Staatsanleihen mit einer Laufzeit von 47 Jahren eine jährliche Rendite von 2,47% bringen, zeigt für mich, dass das nichts mit einem ausgewogenen Chance-Risiko-Verhältnis zu tun hat.

      Auch, dass die Inflation zuletzt nahe der Nulllinie war, wodurch der Realverlust nicht so groß war, halte ich für kein gutes Argument, da es rückwärtsgewandt ist und die Inflationsgefahr der Zukunft durchaus gegeben ist. Sollte es zu 2% Inflation kommen und eine Anleihe zu -0,5% jährlicher Rendite gekauft werden, macht das einen jährlichen realen Kaufkraftverlust von -2,5% aus. Aus meiner Sicht ist das Festgeldkonto aktuell ebenfalls interessanter als (europäische) Staatsanleihen jeglicher Bonität oder, zu Lasten eines höheren Risikos, Staatsanleihen aus Schwellenländern oder weniger schwankende Aktienkörbe.

      Viele Grüße
      Jannes

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